Der Idiot
bei ihrem Landhaus waren, kam ihnen Iwan Fjodorowitsch entgegen, der soeben aus Petersburg zurückgekommen war. Er erkundigte sich sogleich bei den ersten Worten nach Jewgeni Pawlowitsch. Aber seine Gattin ging mit drohender Miene an ihm vorbei, ohne ihm zu antworten und ohne ihn auch nur anzusehen. An den Augen seiner Töchter und des Fürsten Schtsch. erkannte er sogleich, daß es in seiner Familie gewitterte. Aber auch ohne das prägte sich auf seinem eigenen Gesicht eine ungewöhnliche Unruhe aus. Er faßte den Fürsten Schtsch. sogleich unter, hielt ihn am Hauseingang zurück und wechselte fast flüsternd einige Worte mit ihm. An den aufgeregten Mienen beider, als sie dann in die Veranda kamen und durch diese hindurch sich zu Lisaweta Prokofjewna begaben, konnte man merken, daß sie beide eine außerordentliche Nachricht erhalten hatten. Allmählich fanden sich alle oben bei Lisaweta Prokofjewna zusammen, und in der Veranda blieb schließlich nur der Fürst zurück. Er saß in einer Ecke, wie wenn er auf etwas wartete, ohne jedoch selbst zu wissen, warum; angesichts der im Hause herrschenden Unruhe wegzugehen, das kam ihm gar nicht in den Sinn; es schien, als habe er die ganze Welt vergessen und sei bereit, selbst zwei Jahre hintereinander da zu sitzen, wo man ihn hinsetzen würde. Von oben hörte er mitunter einzelne Laute eines aufgeregten Gesprächs. Er hätte selbst nicht sagen können, wie lange er da schon so gesessen hatte. Es war spät geworden und schon ganz dunkel. Auf einmal kam Aglaja nach der Veranda heraus; sie war äußerlich ruhig, wiewohl etwas blaß. Als sie den Fürsten erblickte, den sie anscheinend nicht erwartet hatte hier in der Ecke auf einem Stuhl zu treffen, lächelte sie wie erstaunt.
»Was machen Sie denn hier?« fragte sie, an ihn herantretend.
Der Fürst murmelte verlegen eine Antwort und sprang vom Stuhl auf; aber Aglaja setzte sich sogleich neben ihn, und so ließ auch er sich wieder nieder. Sie blickte ihn aufmerksam an; dann sah sie wie gedankenlos durch das Fenster, dann wieder nach ihm hin. »Vielleicht will sie sich über mich lustig machen«, dachte der Fürst; »aber nein, dann hätte sie es ja schon getan.«
»Vielleicht möchten Sie Tee trinken; dann werde ich welchen bringen lassen«, sagte sie nach einigem Schweigen.
»N-nein. Ich weiß nicht ...«
»Aber wie kann man denn so etwas nicht wissen? Ach ja, hören Sie: wenn Sie jemand zum Duell forderte, was würden Sie dann machen? Ich wollte Sie schon vorhin danach fragen.«
»Aber ... wer sollte das tun ...? Es fordert mich ja niemand zum Duell.«
»Nun, aber
wenn
Sie gefordert würden? Würden Sie große Angst haben?«
»Ich glaube, ich würde mich sehr ... fürchten.«
»Im Ernst? Also sind Sie feige?«
»N-nein; das vielleicht nicht. Feige ist derjenige, der sich fürchtet und davonläuft; aber wer sich fürchtet und nicht davonläuft, der braucht noch nicht feige zu sein«, erwiderte der Fürst nach kurzem Nachdenken lächelnd.
»Und Sie würden nicht weglaufen?«
»Vielleicht würde ich das nicht tun«, antwortete er, schließlich auflachend, auf Aglajas Fragen.
»Ich bin zwar ein Weib; aber ich würde unter keinen Umständen weglaufen«, bemerkte sie empfindlich.
»Aber Sie machen sich über mich lustig und reden nach Ihrer Gewohnheit wunderliches Zeug, um sich interessant zu machen. Sagen Sie mal: die Duellanten schießen ja wohl gewöhnlich auf zwölf Schritte, manche auch auf zehn Schritte; also wird man sicher erschossen oder verwundet?«
»Beim Duell fällt wohl selten jemand.«
»Selten? Puschkin wurde doch im Duell erschossen.«
»Das war vielleicht ein Zufall.«
»Ganz und gar kein Zufall; es war ein Duell auf Leben und Tod, und da wurde er erschossen.«
»Die Kugel traf ihn so weit unten, daß man annehmen muß, d'Antès habe auf eine höhere Körperstelle gezielt, auf die Brust oder auf den Kopf. So weit nach unten zielt niemand; somit hat die Kugel Puschkin aller Wahrscheinlichkeit nach zufällig getroffen, durch einen Fehlschuß. Das ist mir von urteilsfähigen Leuten gesagt worden.«
»Aber mir hat ein Soldat, mit dem ich einmal sprach, gesagt, sie seien, wenn sie sich in Schützenschwärme auflösten, durch das Reglement ausdrücklich angewiesen, auf die Mitte des Menschen zu zielen; so lautet der Ausdruck bei ihnen. Also die werden angewiesen, nicht nach der Brust oder nach dem Kopf, sondern absichtlich nach der Mitte des Körpers zu schießen. Ich fragte später einen Offizier
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