Der Idiot
ich beabsichtige gleich heute, mich zu diesem Zweck mit jemand zu besprechen und der Sache einen Riegel vorzuschieben. Man kann all dergleichen im stillen, im guten, sogar in freundlicher Weise, durch gute Bekannte und ohne alles Aufsehen abmachen. Ich gebe auch zu, daß die Zukunft noch manche Überraschungen in ihrem Schoß birgt, und daß vieles noch unaufgeklärt ist; es steckt da eine Intrige dahinter; aber wenn man hier nichts weiß und dort nichts zu erklären vermag, und wenn ich nichts gehört habe und du nichts gehört hast und jener nichts gehört hat und ein vierter ebenfalls nichts gehört hat: wer hat denn schließlich etwas davon gehört, frage ich dich? Wie soll man das deiner Ansicht nach erklären, wenn man nicht sagen will, die Sache sei zur Hälfte eine Luftspiegelung, etwas nicht Existierendes, in der Art wie das Mondlicht oder andere Visionen?«
»Sie ist geisteskrank«, murmelte der Fürst, der sich plötzlich mit Schmerz an den ganzen Vorfall von vorhin erinnerte.
»Das habe ich auch geglaubt, wenn du damit dieses Weib meinst. Auch mir war dieser Gedanke gekommen, und ich konnte infolgedessen ruhig schlafen. Aber jetzt sehe ich, daß sie doch sehr folgerichtig denkt, und glaube nicht mehr an ihre Geisteskrankheit. Sie ist allerdings ein zanklustiges Weib, dabei aber scharfsinnig und ganz und gar nicht verrückt. Ihre heutigen scharfen Bemerkungen über Kapiton Alexejewitsch beweisen das deutlich. Es liegt ihrerseits ein gaunerisches, das heißt zumindestens ein jesuitisches Verfahren vor, bei dem sie bestimmte Ziele verfolgt.«
»Was ist das für ein Kapiton Alexejewitsch?«
»Ach, mein Gott, Ljow Nikolajewitsch, du hörst ja gar nicht zu! Ich habe ja damit angefangen, dir von Kapiton Alexejewitsch zu erzählen; ich bin so erschüttert, daß mir noch jetzt Arme und Beine zittern. Darum bin ich ja auch heute so lange in der Stadt geblieben. Es handelt sich um Kapiton Alexejewitsch Radomski, den Onkel Jewgeni Pawlowitschs.«
»Nun, was ist mit ihm?« rief der Fürst.
»Er hat sich erschossen, heute morgen um sieben Uhr. Ein allgemein geachteter Greis, siebzigjährig, ein Epikureer. Und ganz wie sie gesagt hat: es fehlen Staatsgelder, eine bedeutende Summe!«
»Woher hat sie denn ...«
»Woher sie das erfahren hat? Haha! Es hat sich ja um sie schon ein ganzer Stab gebildet, sowie sie nur hier erschienen ist. Weißt du nicht, was für Leute sie jetzt besuchen und sich um ›die Ehre ihrer Bekanntschaft‹ bemühen? Sie konnte das heute auf die einfachste Weise von Leuten, die aus der Stadt gekommen waren, erfahren; denn jetzt weiß es schon ganz Petersburg und hier halb Pawlowsk oder auch schon ganz Pawlowsk. Aber wie fein war ihre Bemerkung über die Uniform (sie ist mir wiedererzählt worden), das heißt in bezug darauf, daß Jewgeni Pawlowitsch rechtzeitig den Abschied genommen habe! Das war eine teuflische Anspielung! Nein, das weist nicht auf Geisteskrankheit hin. Ich kann natürlich nicht glauben, daß Jewgeni Pawlowitsch von der Katastrophe etwas im voraus hätte wissen können, das heißt, daß am soundsovielten, um sieben Uhr morgens und so weiter. Aber er konnte all das wenigstens ahnen. Und ich und wir alle, auch Fürst Schtsch., rechneten darauf, daß der Onkel ihm noch eine hübsche Erbschaft hinterlassen werde! Es ist furchtbar! Geradezu furchtbar! Versteh mich übrigens recht: ich spreche gegen Jewgeni Pawlowitsch keinerlei Beschuldigung aus und beeile mich, dir das ausdrücklich zu erklären; aber verdächtig ist die Sache trotz alledem. Fürst Schtsch. ist tief erschüttert. Alles ist so überraschend hereingebrochen.«
»Aber was ist denn an Jewgeni Pawlowitschs Benehmen verdächtig?«
»Gar nichts! Er hat sich in durchaus anständiger Weise benommen. Ich habe ja auch nichts Derartiges angedeutet. Sein eigenes Vermögen, denke ich, ist unversehrt. Lisaweta Prokofjewna will davon natürlich nichts hören ... Aber die Hauptsache sind all diese Familienszenen oder, richtiger gesagt, all diese Zänkereien, man weiß gar nicht, wie man es nennen soll. Du bist ja (das kann man wahrheitsgemäß sagen) ein Freund unseres Hauses, Ljow Nikolajewitsch; nun denk dir einmal, eben kommt zur Sprache, wiewohl nicht in genauer, zuverlässiger Form, daß Jewgeni Pawlowitsch schon vor mehr als einem Monat Aglaja einen Heiratsantrag gemacht und von ihr in aller Form einen Korb erhalten hat.«
»Das ist nicht möglich!« rief der Fürst lebhaft.
»Aber weißt du denn vielleicht etwas
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