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Der Krake

Der Krake

Titel: Der Krake Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: China Miéville
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passiert, damals, überlegte Billy. Eine Art Talfahrt. Niemand ging einfach so aus heiterem Himmel ins Exil.
    Gingen teuthische Agenten irgendwann in den Ruhestand? Gewiss hatten sie ihr Leben gelassen. Und dieser Zirkel ungebundener Kollegen wie Wati und Jason, bei denen Dane Hilfe suchte, seine Bekannten, halb Freunde, halb Kameraden, ein Netzwerk, das mit seinem einsamen Krakenstatus im Widerspruch stand, teilte den grotesken Glauben, der ihn trieb, nicht. Dane war der Letzte der Krakenagenten, und er war einsam. Dieses Aha-Erlebnis, das eine Beziehung zu einer anderen Macht, einer echten Macht, mit der ihn eine gemeinsame Geschichte verband, einer Macht, der er loyal gegenüberstand, plötzlich und unerwartet wieder auflebte, hatte ihn völlig in seinen Bann gezogen. Billy blieb nur, zur Vorsicht zu mahnen.
    Sie waren früh am Treffpunkt, einer alten Tankstelle, geschlossen und verbrettert, auf einem dreieckigen Stück Land zwischen Häuserblocks und heruntergekommenen Konsumgüterfabriken. Die Pumpen waren fort, der Zement, gestreift mit dem Abrieb von Reifengummi, überwuchert.
    »Bleiben Sie dicht bei mir«, sagte Dane. Über ihnen erhob sich eine Überführung, und sie mussten von den oberen Fenstern der nächstgelegenen Häuser aus zu sehen sein. Billy verhielt sich, wie Dane es angeregt hatte, ungeheimnisvoll, gerade so, als hätte er ganz regulär etwas zu erledigen. So tarnte man sich an solchen Orten.
    An einer Grundstücksecke befand sich hinter einigen Maschinenteilen ein Durchgang, der über eine niedrige Mauer zu einer Hintergasse führte. »Das ist unser Fluchtweg, aber für andere führt dieser Weg auch hierher, also passen Sie gut auf«, warnte Dane. »Seien Sie bereit zu rennen wie ein geölter Schiss.«
    Das Licht schwand. Dane gab sich gar keine Mühe, nicht gesehen zu werden. Er wartete lediglich, bis eine gewisse kritische Masse an Dunkelheit erreicht war, ehe er seine Harpune herausholte. Als sich der Himmel schließlich trübgrau einfärbte, kletterte eine Frau durch die Lücke im Zaun und kam auf sie zu.
    »Dane«, sagte sie.
    Sie war in den Vierzigern, trug einen teuren Mantel, einen Rock und Silberschmuck. Ihr grau meliertes Haar hatte sie hochgesteckt, und sie hatte eine Aktentasche bei sich. »Das ist sie«, erklärte Dane. »Das ist Byrne.« Er murmelte die Worte in eindringlicher Weise. »Das ist sie. Die, die damals, als er krank geworden ist, aufgetaucht ist, um für Gris zu arbeiten. War süß zu ihm. Hab sie seit seinem Tod nicht mehr gesehen.«
    Dane zielte aus der Hüfte mit seiner Harpune. »Bleiben Sie, wo Sie sind«, sagte er. Sie musterte die ungewöhnliche Waffe. »Bleiben Sie stehen, Ms. Byrne«, wiederholte er. Auf dem schuttbedeckten Boden sprach mehrere Sekunden niemand mehr ein Wort. Billy hörte das gedopplerte Schnaufen eines Zuges aus vielleicht einem Kilometer Entfernung.
    »Sie müssen entschuldigen, ich bin ein bisschen nervös«, sagte Dane schließlich. »Ich bin zurzeit etwas zurückgezogen. Es gibt da ein paar Probleme ...«
    »Mein Beileid«, antwortete die Frau. »Wir haben gehört, dass es ein Zerwürfnis zwischen Ihnen und Ihrer Gemeinde gegeben hat.«
    »Richtig«, sagte Dane. »Ja. Danke. Herzlichen Dank. Ist lange her. Die Nachricht von Ihrem Boss kam ein bisschen unerwartet.«
    »Der Tod ist nicht mehr, was er mal war.« Sie gab sich äußerst vornehm.
    »Richtig, ja, ganz genau«, sagte Dane. »Tja, Sie müssen es wissen, nicht wahr? Und wir beide wissen, dass Sie ihn nicht zurückgeholt haben. Das soll nicht respektlos klingen. Ich bin überzeugt, Sie sind großartig in dem, was Sie tun. Aber nicht einmal Grisamentum oder Sie können so etwas. Wo ist er? Ich möchte Ihnen nicht zu nahe treten, aber ich bin nicht hergekommen, um Sie zu treffen.«
    »Er ist gar nicht so sehr an Ihnen interessiert, Dane Parnell. Allerdings geht es um Ihren Gott.« Sie zeigte auf Billy.
    Ich wusste es, dachte Billy und hatte keine Ahnung, woher der Gedanke plötzlich gekommen war oder was er zu bedeuten hatte. Er hatte mit gar nichts gerechnet. Da war nur Stille. Billy musterte die Umgebung, nur Silhouetten vor einem düsteren Himmel.
    »Was will Ihr Boss?«, verlangte Dane zu erfahren. »Wo ist er? Wo war er während der letzten Gott weiß wie vielen Jahre?«
    »Wir hörten, das Tattoo hat jeden Kopfgeldjäger zwischen hier und Glasgow für einen Haufen Geld auf Sie gehetzt«, sagte Byrne. »Ihre Kirche will Sie tot sehen. Und als würde das nicht reichen, sind auch

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