Der Krake
Dane gesagt.
Cannon Street, gleich gegenüber der U-Bahn. In den verlassenen Überresten einer ausländischen Bank residierte ein Sportgeschäft. Unter Postern von physisch wohlgeformten Kerlen stand ein Schrank mit einer durch ein Eisengitter geschützten Glasfront, hinter der ein Steinbrocken lag. Dane und Billy beobachteten das Kommen und Gehen lange Zeit.
Der London Stone. Dieser alte Stein war stets verdächtig nahe am Kern der Dinge. Ein Stück des Millariums, jenes megalithischen Mittelpunkts, von dem aus die Römer Distanzen maßen. Auf diesen Stein zu vertrauen war eine bizarre oder gefährliche Tradition, je nachdem, wen man fragte. Der London Stone war ein Herz. Schlug es auch noch?
Ja, es schlug noch, wenn es auch verhärtet war. Billy glaubte es zu spüren, ein schwacher, mühevoller Rhythmus, der das Glas erzittern ließ wie Staub unter dem Klang einer Bassline.
Dies war der Kern der Macht, und er tauchte immer wieder in der Geschichte der Stadt auf, wenn man nur wusste, wo man suchen musste. Jack Cade berührte den London Stone mit seinem Schwert, als er seine Klagen gegen den König vorbrachte; durch diese Geste erwarb er, so seine Behauptung, das Recht zu sprechen, und andere glaubten ihm. Ob er sich fragte, warum sich die Dinge später gegen ihn gewendet hatten? Vielleicht hatte sein Kopf, nachdem das Glück ihn verließ, von seinem Pfahl auf der Brücke herabgeblickt, zugesehen, wie die Teile seines gevierteilten Körpers der nationalen Schadenfreude zugeführt wurden und ironisch gedacht: Weißt du, London Stone, ganz ehrlich, ich erhalte hier widersprüchliche Informationen ... Hätte ich die Rebellen vielleicht doch eher nicht anführen sollen?
Aber vergessen, versteckt, getarnt, was immer, der Stein war das Herz, das Herz war Stein, und es hatte an vielen Orten geschlagen, ehe es, endlich, hier in diesem heruntergekommenen Sportgeschäft zwischen Cricketausrüstungen zur Ruhe gekommen war.
Dane führte Billy durch die Schatten. Billy fühlte, dass sie, dass er schwer zu sehen war. In einer Gasse, abgestützt an einer Ecke der Ziegelmauer, schoss Dane bemerkenswert weit in die Höhe und drang in den baufälligen Gebäudekomplex ein wie eine Art gedrungener Spiderman, ehe er Billy die Tür öffnete. Er ging voran durch die heruntergekommenen Gänge hinter dem Laden, vorbei an Toiletten und Büroräumen zu dem Ort, an dem ein junger Mann in einem Shakira-Hoodie herumlungerte. Der Mann fummelte nach seiner Tasche, aber Dane hatte seine Harpune bereits in der Hand und zielte auf seine Stirn.
»Marcus, richtig?«, fragte Dane.
»Kenne ich euch?« Die Stimme des jungen Mannes blieb bemerkenswert ruhig.
»Wir müssen rein, Marcus. Wir müssen mit deinen Leuten reden.«
»Termin?«
»Klopf an die Tür hinter dir, dann sehen wir weiter.« Doch dank des Lärms kam die Tür dem zuvor und öffnete sich. Billy hörte jemanden fluchen.
»Fitch«, sagte Dane nun etwas lauter. »Londonmantiker. Niemand will Ärger. Ich stecke meine Waffe weg.« Er wedelte kurz mit der Harpune, damit die Anwesenden sie sehen konnten. »Ich stecke sie weg.«
»Dane Parnell«, sagte jemand mit einer uralten Stimme. »Und das ist dann wohl Billy Harrow. Warum bist du hier, Dane Parnell? Was willst du?«
»Was will man wohl von Londonmantikern, Fitch? Wir brauchen Rat. Im Voraus anmelden konnten wir uns leider nicht.«
Einem langen Zögern folgte ein Lachen. »Nein, ich denke, ihr konntet schlecht im Voraus anrufen. Lass sie rein, Marcus.«
Im Inneren erwartete sie eine Management-Lounge. Eine Welt aus Ledersofas, ein Getränkeautomat. Provisorische Regale waren vollgestopft mit Handbüchern und Taschenbüchern. Ein billiger Teppich, Computerarbeitsplätze, Aktenordner. Ein Fenster unter der Decke ließ Licht herein und den Anblick von Beinen und Rädern, die draußen auf dem Pflaster verkehrten. Drinnen waren mehrere Leute, die meisten bereits fünfzig oder älter, ein paar auch deutlich jünger. Männer und Frauen mit Jacketts, Krawatten, Overalls oder abgewetzten Sportklamotten.
»Dane«, sagte der Mann in ihrer Mitte. Er war so alt, seine Haut solch ein Durcheinander aus Falten und Pigmentstörungen, es war unmöglich, seine Ethnie festzustellen. Er war dunkelgrau. Zementfarben. Billy erinnerte sich an seine wahnsinnig klingende Stimme. Er hatte sie in der Aufzeichnung des Teuthex gehört.
»Fitch«, erwiderte Dane respektvoll. »Saira.« Das galt der Frau neben ihm, einer zäh aussehenden, gut gekleideten
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