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Der Krake

Der Krake

Titel: Der Krake Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: China Miéville
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Asiatin Ende zwanzig, die die Arme vor der Brust verschränkte. Die Londonmantiker rührten sich nicht. »Es tut mir leid, dass wir so hereingeplatzt sind ... Wir wissen nicht, ob wir beobachtet werden.«
    »Wir hörten ...« Fitch brach ab. Seine Augen waren weit offen und ständig in Bewegung. Er leckte sich die Lippen. »Wir hörten von dir und deiner Kirche, und es tut uns sehr leid, Dane. Es ist eine Schande, eine furchtbare Schande.«
    »Danke«, sagte Dane.
    »Du bist ein Freund Londons gewesen. Wenn es irgendetwas gibt ...«
    »Danke.«
    Ein Freund Londons. Noch mehr Vorgeschichte, dachte Billy.
    »Nur zu. Es gibt keinen Grund zu zögern«, sagte Fitch. »Und dein Freund ...?«
    »Wir müssen uns beeilen, Fitch. Wir dürfen uns nicht sehen lassen.«
    »Ich weiß, was du tust.« Fitchs Stimme verriet einen Anflug von Humor. »Du willst uns bei unserem Gelübde packen.«
    »Vertraulichkeit«, sagte Saira.
    »Ich bin auf Geheimhaltung angewiesen, ja, aber ich brauche auch eine Weissagung ... Und ich kann mich auf euer ...«
    »Du weißt doch, was wir dir sagen werden«, sagte Saira. Sie klang bemerkenswert vornehm. »Haben wir uns mit Warnungen in jüngster Zeit zurückgehalten? Warum, denkst du, sind wir so wenige? Einige von uns sind die Zukunft leid.«
    »Wann haben wir uns je auf eine Seite geschlagen, Dane?«, fragte Fitch.
    Die Londonmantiker gab es seit Gogmagog und Corineus, seit Mithras und all den anderen. Wie ihre Schwesterverbände in weiteren Psychopolen, die Paristurgen (Dane sprach das Wort Billy gegenüber französisch aus: Paritürsch), die Warschautarchen, die Berlinimagi, waren sie stets ostentativ neutral geblieben. Nur so konnten sie überleben.
    Sie waren nicht die Hüter der Stadt: Sie bezeichneten sich als die Elemente derselben. Als Zellen. Sie rekrutierten Nachwuchs und entwickelten Flüche, Formen, Weitblick und die diagnostische Trance, die sie als Urbopathie bezeichneten. Sie, so erklärten sie beharrlich, waren lediglich Kanäle für die Ströme, die sich in den Straßen sammelten. Sie verehrten London nicht, sondern betrachteten die Stadt mit respektvollem Misstrauen, kanalisierten ihre Bedürfnisse, ihre Triebe und Einsichten.
    Man konnte ihr nicht trauen. Zunächst mal war sie nicht ein Ding - obwohl sie das auch war -, und sie folgte nicht einer Agenda. In ihrer ganzheitlichen Gestalt war sie ein Metropolenwesen mit so unterschiedlichen Regionen wie Hoxton und Queen's Park, die mit den schlimmsten Mächten auf Schmusekurs gingen, oder Walthamstow, kämpferischer und unabhängiger, Holborn, nebelhaft und durchlässig wie ein Sieb, alles zänkische Komponenten eines Ganzen, des sichtbaren Londondings.
    »Niemand gibt uns eine klare Auskunft über das, was kommt«, sagte Billy.
    »Nun, das ist nicht leicht zu sehen«, sagte Fitch. »Abgesehen von dem verdammten ... der einfachen Tatsache halt. Ich kann etwas sehen.« Billy und Dane wechselten einen Blick. »Also gut. Ihr wollt eine Weissagung. Ihr wollt wissen, was los ist? Saira, Marcus, zeigen wir Dane und Billy, was wir sehen können.«
    Draußen zerrte der Wind an ihnen. »Ihr wisst, dass wir gejagt werden?«, flüsterte Billy Saira zu.
    »Ja«, sagte sie. »Ich glaube, das ist bekannt.« Sie rauchte mit der selbstverständlichen Eleganz, die ihn stets an die Mädchen in der Schule erinnerte, an die er nie hatte herankommen können.
    »Was geht dir durch den Kopf?«, fragte sie.
    »Ich dachte an einen Freund von mir. Und an seine Freundin.« Das war die Wahrheit. »Ich kann nicht einmal ...« Billy senkte den Blick. »Er ist gestorben, das hat mich überhaupt erst hierhergebracht, und ich kann nichts tun. Ich denke an sie, daran, was sie ...« Es war die Wahrheit. »Ich wünschte, ich könnte ihr davon erzählen. Sie weiß nicht mal, dass er gestorben ist.«
    »Du vermisst ihn.«
    »Gott, ja.«
    Marcus schleppte eine schwere Tasche. »Ich weiß, du wärest lieber nicht draußen, Dane«, sagte Saira. »Aber du weißt ja, wie das läuft.«
    Dane musterte den Himmel und die umliegenden Gebäude. Seine Hand ruhte in seiner Tasche auf der Waffe. Sie liefen zwischen Glasfronten und Banken, vorbei an Sandwichläden und immer tiefer hinein in die City of London, hielten sich aber von den wichtigsten Plätzen voller Fußgänger und Anzugträger fern.
    Saira musterte Billy von der Seite. Er achtete kaum darauf, wo er hinging, hielt die Augen nicht offen, obwohl er wusste, dass er das tun sollte. Doch in diesem Moment, in dieser Sekunde,

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