Der Liebessalat
wegen dem Brot, das frisch so fad schmeckte wie altbacken. Er hatte Penelope die Adresse gegeben und wartete auf ihren Brief. Auch vor seiner Schreibkrisenphase hatten sie hier Ferien gemacht. Damals war Viktor oft ein oder zwei oder drei Stunden früher als die anderen aufgestanden, um ungestört arbeiten zu können. Jetzt holte er ein Mountain-Bike aus dem Schuppen, einen Fahrradtypus, den er haßte und verhöhnte, weil die Lenkstange so breit war, daß die Fahrer wie gekreuzigt aussahen, außerdem trampelten sie so schnell bergauf wie dumme kleine Hamster und kamen kaum vorwärts. Genau dieses Folterinstrument nutzte er jetzt für sein allmorgendliches Ritual. Ein Stück bergauf, ein Stück bergab und dann sechs Kilometer steil nach oben auf einer steinigen, staubigen Straße. Auch wenn es nach einer Woche besser ging, er keuchte und schwitzte, und endlich einmal spürte er, wie sein Herz tobte. Die Hoffnung auf eine Botschaft Penelopes trieb ihn voran. Auf der Post brachte er das Kunststück fertig, nicht enttäuscht zu sein, sondern dankbar. Wie klug von Penelope, daß sie seiner Bitte um Antwort noch nicht nachgekommen war, wie taktvoll, wie umsichtig. Er war bereit, ihr Nichtschreiben als Gunstbeweis zu interpretieren: Sie wollte mit einem Brief an den Mann ihrer Schülerin nicht die Ferienharmonie stören. Ihr Schweigen war ein konspirativer Liebesbeweis.
Viktor ging auf die winzige Post, gab einen Brief ab und fragte, ob einer für ihn gekommen sei. »Posta?« kreischte die Italienerin und kam dann gleich mit der harten Antwort: »Niente!« Am dritten Tag sagte sie ihr »Niente« weicher, fast schon mit Erbarmen, am fünften schwang eine Art Hochachtung vor Viktors Beharrlichkeit mit. In der zweiten Woche ging sie in einen Nebenraum, tat so, als ob sie nach Post suche, und kam dann zurück in den kleinen Schalterraum, hob bedauernd die Schultern und meinte fast unglücklich: »Niente.« Dabei versuchte sie, die trübe Auskunft mit einem gewissen Strahlen auszugleichen. Vom zehnten Tag an faßte sie Viktor bei jeder Niente-Nachricht am Arm, als sei jemand gestorben und es gelte, diesem standhaften Mann von Herzen zu kondolieren.
Viktors Briefe an Penelope aus Ligurien begannen immer mit der Beschreibung der Postbeamtin. Wie diese Frau an dem Liebeskummer Anteil nahm, den er gar nicht hatte. Denn das Telefongespräch mit Penelope war so warm und so wirklich gewesen, daß Viktor drei Wochen auch ohne einen Brief von ihr eine Weile weiter würde an sie hinphantasieren können. Er werde, schrieb er, eine Kurzgeschichte schreiben, in der er Penelope zu einer falschen Schlange machen, von der er den versprochenen Brief nie erhalten werde, dafür werde er mit seiner standhaften Hoffnung die von Tag zu Tag schöner werdende Postbeamtin derart beeindrucken, daß ihm schließlich diese ihre Liebe schenken werde.
Die allmorgendliche Strapaze wurde ihm zur Lust, weil er damit Penelope nahe war, von der er annehmen mußte, daß sie in eben diesen Tagen, wohl kaum allein, sondern mit ihrem entsetzlich gut aussehenden Freund, irgendwo in den Alpen ihren Körper plagte. »Du hast mich verdreht, Paarhuferin«, schrieb er, »ich schinde mich, du schindest dich, wir schinden uns – das vereint.«
Nach den Ferien war es schon herbstlich in Zürich. Viktor wühlte die Post von Wochen durch. Nichts. Nichts von Penelope. Ein Brief des Filmproduzenten: Eine Verfilmung sei greifbar nah. Ein berühmter siebzigjähriger männlicher Filmstar und eine nicht weniger berühmte sechzigjährige Filmschauspielerin interessierten sich für das Buch. Absolute Publikumslieblinge. »Erschrecken Sie nicht!« schrieb der Produzent, diese ganzen Frauengeschichten ließen sich dann als Männerträume eines in die Jahre gekommenen Machos darstellen –»und wäre das nicht sogar realistischer?«
Diese Idee war besonders grausam, weil kein Brief von Penelope da war und Viktor sich sagen mußte, daß seine erotischen Hirngespinste die Ansichten des Produzenten nur bestätigten. »Ich habe mich wohl seit vielen Wochen selbst betrogen«, schrieb er an Penelope, »ich muß Ihren ersten Brief damals mißverstanden haben. Ich entschuldige mich, daß ich mich so in Ihr Leben gedrängt habe. Geduzt habe ich Sie auch. Gleich gegenüber Ihrer Sprachschule ist ein Café. Ich werde in der nächsten Woche jeden Morgen dort hineingehen und auf die Titelseite der Tageszeitung an den Rand folgende Worte schreiben: ‘Es ist zu Ende, ja – nein’. Vielleicht
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