Der Lilienpakt
dachte an die Kleider zurück, die ich in meinem väterlichen Schloss zurückgelassen hatte. Sie waren Lumpen gegen das, was man hier zu sehen bekam. Selbst die Zofen, die einigen Damen folgten, waren besser angezogen als ich damals.
»He, Bursche!«, sprach uns eine der Damen plötzlich an. Sie trug ein violettes Kleid, auf dem Tausende kleiner Perlen funkelten. Ich dachte schon, sie meinte Jules, doch als ich zu ihm blickte, feixte er mich breit an.
»Dich meine ich, Blondschopf.«
Ich sah auf und tippte mit dem Finger auf meine Brust.
Die Frau, die nicht mehr ganz jung war, winkte mir ungeduldig zu. »Nun komm schon her!«
Die Mädchen in ihrem Gefolge kicherten. Mir schlug das Herz bis zum Hals.
Kaum war ich in Reichweite, schoss ihre Hand vor und umklammerte mein Kinn. Ihre Hände fühlten sich überraschend grob an.
»Kein einziger Stoppel am Kinn«, raunte sie, was meine Befürchtungen noch vergrößerte. »Wie alt bist du, Bursche?«
»Zwölf«, log ich wie gestern bei Monsieur Ismael.
Die Augen der Frau funkelten beunruhigend. »Du bist ziemlich groß für dein Alter. Und gut gewachsen. Dein Gesicht ist zwar ein bisschen mädchenhaft, aber solche Männer sind die schönsten.«
Ich vernahm deutlich, dass Jules ein Lachen unterdrückte.
»Sag, hast du nicht Lust, mir als Page zu dienen? Du wärst das Schmuckstück unter meinen Bediensteten.«
Jules konnte sich hinter mir kaum noch halten. Wahrscheinlich hatte er sich jetzt umgedreht, damit die Dame nicht sah, dass er vor Lachen gleich platzen würde.
»Tut mir leid, Madame«, sagte ich so ruhig ich konnte. »Aber ich bin Lehrling eines Waffenschmiedes und werde den Pflichten, die mich in Euren Gemächern erwarten, wohl kaum genügen.«
Die Frau zog überrascht die gezupften Augenbrauen hoch.
»Der Lehrling eines Waffenschmiedes führt solch eine Rede?«
»Der Lehrling eines Waffenschmiedes ist nicht auf den Kopf gefallen«, gab ich ärgerlich zurück. Verkleidung oder nicht, ich war die Tochter eines Comte und keine Ware, die man beliebig mitnehmen konnte wie einen Apfel. »Aber wenn Ihr eine einfachere Sprache bevorzugt, dann sage ich Euch, dass ich Euch nicht dienen will. Mein Platz ist in meiner Werkstatt.«
Die Frau sog erschrocken die Luft ein. Augenblicklich ließ sie mich los.
»Unverschämter Bengel! Es gäbe sicher hundert Burschen wie dich, die mein Angebot liebend gern annehmen würden.«
»Dann fragt diese Burschen, Madame.« Ich verneigte mich kurz.
Die Dame lief hochrot an. Ich rechnete mit einer Schimpftirade, doch sie wirbelte herum. Dabei stolperte sie fast über ihre Röcke, raffte diese hoch und lief dann mit langen Schritten los. Die Zofen folgten ihr, nur eine, die kaum älter war als ich, wandte sich um und zwinkerte mir lächelnd zu.
»Du hast großes Glück gehabt«, bemerkte Jules nun. Lachtränen liefen über seine hochroten Wangen. »Wenn die Marquise schlechte Laune gehabt hätte, hätte sie dich mit ihrem Fächer verprügelt.«
»Schön, dass du dich wenigstens amüsiert hast«, brummte ich. »Es ist ein Glück für die Dame. Sie hätte sicher sehr gestaunt, wenn sie herausgefunden hätte, dass ihr Page kein Junge ist.«
»Aber bis dahin hättest du ein bequemes Leben führen können. Die Marquise de Bontemps ist für ihren Reichtum bekannt.«
»Du hättest dich ja melden können!«
»Und was hätte mein Vater dann tun sollen?«
»Na, mir das Handwerk beibringen!«
»Spätestens wenn du mit dem Hammer auf glühendes Metall einschlagen sollst, überlegst du dir das«, entgegnete Jules. »Hast du dir die Arme meines Vaters schon einmal näher angesehen? Nicht einmal ich kann den schweren Schmiedehammer heben. Und du wirst es wahrscheinlich nie können, weil …«
»Weil ich ein Mädchen bin?« Ich stemmte die Hände auf die Hüften. »Weil ich besser am Herd stehen und Kinder bekommen sollte?«
Jules senkte verlegen den Blick. »Das habe ich nicht gemeint.«
»Aber so denken doch alle!« Ich atmete tief durch. Es brachte wohl nichts, eine Szene zu machen. Also schwieg ich.
»Gibt es denn irgendwas, das ich dir zeigen kann?«, fragte Jules nach einer Weile vorsichtig.
Ich hätte ihm am liebsten an den Kopf geschleudert, dass ich keine Lust mehr dazu hatte. Aber das wäre gelogen gewesen. »Das Hauptquartier der Musketiere«, antwortete ich.
Jules legte den Kopf schräg und lächelte gewinnend. »Also gut, auf zu den Musketieren.«
Einige Minuten später fanden wir uns vor einem hohen Zaun wieder,
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