Der Mann mit dem Fagott
lägen nun einmal deutliche und ernstzunehmende Beschuldigungen vor. Mehr könne er dazu nicht sagen. »Entschuldigen Sie, Herr Bockelmann, aber ich habe in diesen turbulenten Zeiten schrecklich viel zu tun.«
Er wünschte ihm alles Gute, dann war die Leitung unterbrochen.
Rudi versucht, ein Gespräch nach Barendorf anzumelden. Er möchte wenigstens Käthe über die neuste Entwicklung Bescheid geben, bevor man ihn abholt. Das Fräulein vom Amt ist freundlich. Man verstehe, daß es dringend sei, aber es könne Stunden dauern, wenn sich diese Verbindung überhaupt herstellen lasse.
Er bleibt einige Augenblicke lang ratlos vor dem Telefon stehen, nimmt dann den Hörer erneut ab, versucht, ein Gespräch nach Meran anzumelden. Ein Gespräch mit seinem Vater wäre jetzt genau das richtige, um ihn zu stärken. Immerhin hatte Heinrich damals in Rußland Ähnliches durchgemacht, war von einer Stunde zur nächsten zum Feind geworden. Rudi würde jetzt gern mit ihm sprechen. Außerdem wußte Heinrich bestimmt auch noch nichts davon, daß das Haus im Grunewald inzwischen zerstört worden war, eine paar Stunden nachdem Rudi mit seiner Familie es verlassen hatte.
Rudi dreht an der Kurbel. Das Fräulein vom Amt ist wieder dasselbe. Ja, sie versuche, die Verbindung herzustellen. Mindestens drei Stunden werde es aber schon dauern.
Resigniert hängt Rudi den Hörer ein.
In diesem Moment bringt Sophie ihm das Frühstück: frisches Brot, selbstgemachte Marmelade, ein Ei, Muckefuck und Grütze. Seit Tagen hatte er sich darauf gefreut, doch jetzt verzehrt er es ohne jeglichen Appetit.
Nach dem Frühstück geht er in sein Zimmer, duscht, rasiert sich, zieht frische Sachen an.
Er fühlt sich nun etwas besser, geht ins Herrenzimmer, sucht alle nötigen Papiere zusammen, alles, was er vielleicht wird brauchen können. Dann nimmt er sich den dicken Poststapel vor, der sich in seiner Abwesenheit angesammelt hat. Er blättert ihn durch: wie immer zuerst auf der Suche nach irgendetwas, das ein Lebenszeichen von seinem jüngsten Bruder Johnny beinhalten könnte. Aber wieder ist nichts dergleichen dabei. Heute hat der »Kleine« Geburtstag, fällt Rudi plötzlich ein. Er wird 32 Jahre alt. Wie mag er wohl diesen Tag verbringen? Für einen kurzen Moment überdeckt die Sorge um den jüngsten Bruder seine eigenen Ängste um sein Schicksal. Was mag mit Johnny wohl geschehen sein? Durch welche Hölle schritt er? Daran, daß er vielleicht gar nicht mehr am Leben sein könnte, mag Rudi nicht denken. Irgendwie spürt er, daß der Kleine noch lebt … Wenn er tot wäre, würde Rudi es fühlen, dessen ist er sich sicher.
In der Post wenigstens ein paar Zeilen von Werner. Allerdings mehr als sechs Wochen alt. Ein Feldpostbrief aus Danzig. Er hoffe, daß alle fünf Brüder sich bald wiedersehen könnten. Ein richtiges »Fünf-Brüder-Treffen«, wie sie es schon seit Jahren nicht mehr hatten. Natürlich kein Wort über die militärische Lage.
Feldpostbriefe kommen schon lange nicht mehr durch. Einige von jenen, die Rudi ihm schrieb, findet er in seinem Poststapel wieder. Sie sind zurückgekommen. Ein entmutigendes Gefühl.
Ein anderer Umschlag trägt den Absender Lilly Arp aus Prasdorf. Käthes Mutter, wegen ihrer langen blonden Haare die »blonde Omi« genannt, couragiert wie niemand sonst, den Rudi kennt, aber auch manchmal fast erschreckend halsstarrig. In all den Jahren der Nazizeit hatte sie stur und offen am Kommunismus festgehalten. Und keiner weiß so genau, ob sie nicht auch irgendwie im Untergrund tätig ist, Kommunistenfreunde versteckt und dergleichen mehr. Sie war auch schon verhaftet worden, dann aber wieder freigekommen, was an ein Wunder grenzte. Die Familie hatte den Kontakt zu ihr stark einschränken müssen, um sich nicht selbst zu gefährden. Jeder ihrer Briefe war gefährlich wie eine Bombe. Zündstoff, wenn er in die falschen Hände kam. Auch jetzt öffnet Rudi ihn mit einem flauen Gefühl im Magen, untersucht erst
die Gummierung auf irgendwelche Zeichen hin, daß der Umschlag bereits geöffnet worden sein könnte, doch es sieht nicht danach aus. Rudi reißt ihn vorsichtig auf und liest. Es ist eine Einladung auf ihren Bauernhof nach Prasdorf bei Kiel.
»Wenn diese Nazi-Pest Euch zu schaffen macht, seid Ihr hier jederzeit willkommen.« Ein Glück, daß die Gestapo, die Rudi suchte, offenbar nicht auf die Idee gekommen war, seine Post zu beschlagnahmen.
Rudi zerreißt den Brief in kleine Fetzen und wirft sie in den Kamin,
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