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Der Mann mit dem Fagott

Titel: Der Mann mit dem Fagott Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Udo Juergens , Michaela Moritz
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vor einigen Monaten schon einmal »Besuch« von der Gestapo eingebracht hatte. Damals war er aufgefordert worden, es zu entfernen. Er hatte es auf sich beruhen lassen, lebensgefährlich leichtsinnig, wie sich jetzt zeigte.
    »Ein Familienmitglied?« fragt Brettschneider lauernd.
    Wäre die Situation nicht so ernst, die Frage hätte etwas Komisches. Rudi antwortet mit fester Stimme: »Keineswegs, Herr Kommissar. Das ist ein wertvolles altes Bild des ungarischen Malers Koloswany, das mein Vater irgendwann geschenkt bekommen hat. Meine arische Herkunft wurde schon vor langem genauestens überprüft.«
    »Das wird sich klären«, meint Brettschneider ausweichend und fügt nach einer kleinen Pause hinzu: »Wenn wir schon davon sprechen. Hat Ihr Vater sich früher nicht eng mit Juden umgeben?«
    Rudi wäre nie auf die Idee gekommen, über solche Dinge nachzudenken, Nazidiktion hin oder her. Etwas zögernd antwortet er: »Soviel ich weiß, hat mein Vater als Bankier natürlich viel mit Juden zusammengearbeitet, aber das liegt alles sehr lange zurück, ich weiß darüber im einzelnen nichts.«
    Brettschneider signalisiert deutlich, daß er Rudi nicht glaubt.
»Wie auch immer. Wir werden der Sache nachgehen.« Nach einer kleinen Pause hakt er nach: »Sie finden Juden und Bilder von Juden also schön?«
    Betont sachlich antwortet Rudi: »Das kann man so nicht sagen. Ich kenne keine Juden, und ich kenne auch sonst keine Bilder von Juden. Das Bild, das Sie meinen, gehört meinem Vater. Ich habe lange schon keinen Gedanken mehr daran verschwendet.«
    »Und das, obwohl die Gestapo Sie vor nun beinahe einem Jahr dazu aufgefordert hat, das Bild zu entfernen?«
    Rudi weiß nicht, was er sagen soll: »Wissen Sie, ich habe ein riesiges Gut zu leiten, da hab ich das Bild wohl vergessen.«
    »So, so … Sie haben in Ihrem Hause also ein Bild hängen, das einen Juden zeigt und das Sie ›vergessen‹ haben, aber in diesem ganzen riesigen Schloß haben wir nicht ein einziges Bild des Führers gefunden, obwohl wir wirklich jeden Quadratzentimeter abgesucht haben. Wahrscheinlich haben Sie das auch ›vergessen‹«, er lächelt über seinen eigenen Zynismus. Lauernd fährt er fort: »Und wir haben auch sonst nichts gefunden, was auf Ihre nationalsozialistische Gesinnung schließen ließe.« Er hält inne. »Können Sie mir erklären, wie es kommt, daß wir bei Ihnen auch nicht ein einziges einschlägiges Buch zum Nationalsozialismus gefunden haben, noch nicht einmal ›Mein Kampf‹?«
    Rudi fühlt, wie die Fragen ihn mehr und mehr in die Enge treiben und wie seine Gedankenlosigkeit in diesen Fragen ihm nun zum Verhängnis wird. »Ich habe die Lektüre generell in den letzten Jahren stark vernachlässigt. Das war sicher ein Fehler.«
    Brettschneiders Stimme verrät ein hinterlistiges Lächeln. »So, so, zum Lesen sind Sie nicht gekommen, die Bilder an den Wänden haben Sie ›vergessen‹…«, er unterbricht sich, vertieft sich wieder in seine Mappe, zieht einen Zettel heraus.
    »Und die Bücher von« - er liest die Namen ab - »Stefan Zweig, Maxim Gorkij, Fjodor Dostojewskij, Thomas Mann, Heinrich Mann, Erich Kästner, Karl Kraus, Kurt Tucholsky, Robert Musil, Erich Maria Remarque und so weiter und so weiter in Ihrem Bücherregal, lauter verbotene Autoren, die haben Sie demnach wohl auch einfach vergessen ?«
    Rudi zuckt zusammen. Er braucht einen Augenblick, um sich zu fassen, dann sagt er: »Vieles davon sind alte Ausgaben aus meiner
Kindheit und Jugend und aus der Zeit vor dem Krieg. Ich mußte bei Beginn des Ersten Weltkrieges mit meinen Eltern und meinen Brüdern aus Rußland fliehen, wir lebten einige Jahre in Schweden, dann in Norddeutschland, später hier. Dabei ging so vieles an Erinnerungsstücken verloren. Ich konnte es einfach nicht übers Herz bringen, diese Bücher zu vernichten. Sie standen aber einfach nur im Regal. Ganz hinten, in der zweiten Reihe. Natürlich habe ich niemals mehr darin gelesen.«
    Er kommt sich ein wenig schäbig dabei vor, seine geliebten Autoren zu verraten, aber in dieser Stunde bleibt ihm nichts anderes übrig.
    »Und was, wenn einer Ihrer Söhne diese wehrkraftzersetzenden und entarteten Bücher in die Finger bekommen hätte oder sonst jemand, der bei Ihnen aus und ein geht? Glauben Sie denn wirklich, Sie könnten sich, nur weil Sie Bürgermeister und Schloßbesitzer sind, eine Privatliebhaberei wie diese Bücher oder Bilder von diesem Judenpack leisten? Denken Sie, Sie sind von den Gesetzen

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