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Der Medicus von Heidelberg

Der Medicus von Heidelberg

Titel: Der Medicus von Heidelberg Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Wolf Serno
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des Körpers. Kann mir jemand welche nennen?«
    Aus verschiedenen Richtungen wurde »Schleim«, »Galle« und »Blut« gerufen.
    De Berka nickte zufrieden. »Einige der Herren haben offenbar schon etwas läuten hören. Doch bringen wir die Säfte in die richtige Reihenfolge. Wir unterscheiden das Blut, die gelbe Galle, die schwarze Galle und den Schleim. Diese Säfte sollen sich stets im Gleichgewicht befinden. Der Mediziner spricht in diesem Falle von Eukrasie. Sind sie es nicht, spricht er von Diskrasie, und es ist seine Aufgabe, das Gleichgewicht wiederherzustellen.«
    Einige der Studiosi versuchten, jedes Wort mitzuschreiben, was allerdings misslang. De Berka sah es und sagte: »Ihr braucht Euch keine Notizen zu machen, meine Herren Studiosi, ich werde gleich ein Schaubild zeigen lassen, das alle meine Ausführungen verständlich macht.« Er fuhr fort: »Zu jedem der vier Säfte gehören sogenannte Primärqualitäten. Dem Blut etwa werden die Qualitäten ›feucht‹ und ›warm‹ zugeschrieben. Der gelben Galle ›warm‹ und ›trocken‹, der schwarzen Galle ›trocken‹ und ›kalt‹, dem Schleim ›kalt‹ und ›feucht‹ – womit wir wieder bei der ersten unserer Primärqualitäten wären. Was liegt da näher, als das Ganze in Form einer Kreisfigur darzustellen.«
    Er gab Rochus Säckler ein Zeichen, woraufhin dieser das angekündigte Schaubild entrollte. In der Mitte waren Mann und Frau zu sehen. Von ihnen gingen vier Sektoren aus, in denen außer den Säften auch die Primärqualitäten aufgeführt waren.
    »Ihr seht, meine Herren Studiosi, in der Mitte steht der Mensch, den es zu heilen gilt. Erkennt der Arzt die Natur der Krankheit als warm, setzt er ein Mittel dagegen ein, das als kalt gilt. Bei einem feuchten Befund kommt eine trockene Arznei zum Einsatz und so fort.«
    »Wer sagt mir denn, ob eine Krankheit von warmer oder kalter Natur ist?«, fragte ich.
    »Ich.« De Berka lächelte. »Ich, Euer Professor. Überdies die vielen Bücher, die Ihr noch zu studieren haben werdet. Darin werdet Ihr auch erfahren, welche Qualität den verschiedenen Arzneien und Nahrungsmitteln zuzuordnen ist. Doch lasst mich fortfahren: Ganz so einfach, wie sich die Sache anhört, ist es nicht. Bei der Auswahl der richtigen Medizin spielen auch die Jahreszeit und das Lebensalter eine wichtige Rolle. Beide Merkmale wurden deshalb ebenfalls in das Schaubild aufgenommen und den entsprechenden Säften zugeordnet. So steht das Blut gleichzeitig für den Frühling und die Kindheit. Die gelbe Galle für den Sommer und die Jugend und so weiter. Anders gesagt: Was für einen jungen Körper nützlich wäre, könnte einem älteren Körper schaden, was im Winter gilt, könnte sich im Frühling als falsch erweisen.«
    De Berka hielt inne und machte eine zusammenfassende Bewegung. »Dies alles wussten schon Hippokrates und jene Ärzte, die nach seiner Lehre heilten. Doch die Entwicklung ging weiter! Galen, dem großen Arzt und Heiler, haben wir es zu verdanken, dass unser Schaubild anwuchs. Er fügte ihm vier Elemente hinzu, nämlich Luft, Feuer, Erde und Wasser. Um bei unserem Beispiel Blut zu bleiben: Er erweiterte die Merkmale für das Blut um das Element Luft. Damit nicht genug, fügte er noch die Farbe Rot hinzu und den Geschmack, hier in seiner süßen Ausprägung. Überdies das für Blut typische Fieber, nämlich das kontinuierliche Fieber, sowie die Tageszeit, in diesem Falle den Morgen …«
    Mir schwirrte der Kopf. Zum Glück schien es meinen Kommilitonen nicht anders zu ergehen. Doch schon sprach der Professor weiter: »Viele Hundert Jahre später hatte die Entwicklung weitere wichtige Schritte durchlaufen. Es waren die vier Temperamente hinzugekommen, ferner die Apostel, die Planeten und die Sternzeichen. Auf unser Beispiel Blut angewandt, waren das: der Sanguiniker, der Apostel Markus, der Planet Jupiter und das Sternzeichen Stier mit seinen Nachbarzeichen Widder und Zwillinge.«
    De Berka räusperte sich und gönnte uns eine Verschnaufpause. »Meine Herren Studiosi, ich sehe die eine oder andere verzagte Miene. Grämt Euch nicht. Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen und ein Meisterarzt schon gar nicht. Ihr habt nach der Vorlesung Gelegenheit, das Schaubild abzuzeichnen, damit Ihr es Euch heute und in den nächsten Tagen genauestens einprägen und die Zusammenhänge lernen könnt.«
    Ich meldete mich und sagte: »Das ist sehr viel Theorie, Herr Professor, könnt Ihr uns ein Beispiel geben, wie sich das Wissen

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