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Der Medicus von Heidelberg

Der Medicus von Heidelberg

Titel: Der Medicus von Heidelberg Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Wolf Serno
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um die Säfte in der Praxis anwenden lässt?«
    De Berka zögerte. »Ihr stellt die Frage, die in jedem ersten Semester an dieser Stelle kommt, Nufer. Normalerweise pflege ich darauf hinzuweisen, dass man den zweiten Schritt nicht vor dem ersten tun sollte, weil der Stoff sonst zu komplex würde, aber heute will ich eine Ausnahme machen. Sie mag Ansporn für alle sein, auch wenn dabei weitere unbekannte Begriffe und Zusammenhänge erwähnt werden müssen. Nun also: Es war im letzten Jahr, als ich einen Patienten behandelte, der auf den Tod lag. Er hatte die fünfzig schon überschritten und war viel zu dick. Sein Gesicht war rot angelaufen, die Nase bläulich verfärbt.«
    »Wer war es denn?«, fragte einer vorwitzig.
    De Berka runzelte die Stirn. »Ich darf den Zwischenrufer an meine erste Lektion erinnern. Ein wesentlicher Bestandteil des hippokratischen Eides ist die Schweigepflicht. Insofern will ich die Frage überhört haben. Zurück zu unserem Fall: Der Patient hatte zahlreiche violette Äderchen auf den Wangen und war außerordentlich kurzatmig. Die kleinste Bewegung löste Schweißausbrüche bei ihm aus. Auf meine Frage, welche Beschwerden er habe, sagte er, er litte unter heftigen Schmerzen in der Brust und unter starkem Druck im Kopf. Ich trat an sein Bett und fühlte ihm den Puls. Er war hart und unregelmäßig. Dann schaute ich mir die Zunge an. Sie war weißlich belegt. Als ich dem Patienten das Krankenhemd hochschob, sah ich, dass sein Unterleib gewaltig angeschwollen war und das dazugehörende Gewebe sehr teigig. Meine tastenden Finger hinterließen tiefe Eindrücke. Spätestens jetzt, nachdem ich sorgfältig geschaut, geprüft und getastet hatte, wusste ich, um welche Krankheit es sich handelte.«
    De Berka unterbrach sein Auf-und-ab-Schreiten und fragte: »Nun, meine Herren Studiosi, weiß jemand, welche Krankheit ich aufgrund der Symptome diagnostizierte?«
    Da die Antwort ausblieb, sprach er weiter: »Es handelte sich um die Wassersucht. Bei diesem Leiden verhält es sich so, dass ein Überfluss an Schleim vorliegt. Das heißt, die Mischung der Körpersäfte hatte sich zu weit in Richtung kalt und feucht verändert. Ausschlaggebend für das Krankheitsbild waren neben der ohnehin phlegmatischen Konstitution des Kranken seine ungesunde Lebensweise. Er aß zu fett und trank zu viel, was unter anderem zu einem harten, unregelmäßigen Stuhl führte.
    Statt rechtzeitig einen Medicus aufzusuchen, hatte er zunächst versucht, sich selbst zu kurieren, indem er zwei Wochen lang fastete. Ein lebensgefährlicher Fehler, denn durch das Fasten war ein Überfluss an schwarzer Galle ausgelöst worden, der eine weitere Verstärkung der kalten Komponente bewirkte, die wiederum auf Herz und Lunge ausstrahlte. Kälte in der Lunge aber ruft stets eine mangelhafte Verbrennung der Atemluft hervor, deren Folge eine ungenügende Versorgung mit dem vitalen Pneuma ist, welches durch die Verbrennung der Atemluft entsteht. Zusammenfassend war also festzustellen: Es herrschte ein Mangel an Qualität des Heißen vor. Oder, um es anders zu sagen: Es war ein spektakuläres Übermaß an Kaltem vorhanden – dem Prinzip des Todes.
    Was unternahm ich nun in diesem Fall? Ich leitete die Therapie mit zwei Maßnahmen ein: Die erste bestand in einer Parazentese, also dem Durchstechen des Unterleibsgewebes, um mittels einer Hohlnadel das überschüssige Wasser abzuleiten. Die zweite im Aderlass, der bei dicken, blutreichen Kranken stets von reinigender Wirkung ist und viel zur Wiederherstellung des Säftegleichgewichts beitragen kann.
    Nun zur eigentlichen Behandlung: Sie bestand in der Verabreichung warmer, trockener Arzneien, denn die Wassersucht ist, wie bereits erwähnt, von kalter, feuchter Natur. Ich riet dem Kranken zu leichter Kost, zu Gemüse, Obst und frischem Brot, dazu zum Verzehr von viel Honig, denn Honig ist von Natur aus warm. Wein verbot ich ihm strikt, denn roter Wein trägt zu Blutreichtum und Verstopfung bei. Stattdessen verschrieb ich ihm ein stuhllösendes Mittel. Es besteht aus Gänsefett und Rizinusöl. Ferner riet ich ihm zum Genuss von rohen Kastanien, denn sie sind ebenfalls warm und stärken überdies das Herz. Da die Gemahlin des Kranken und das gesamte Gesinde sich streng an meine Anweisungen hielten, fühlte er sich schon nach drei Tagen deutlich besser. Mit Gottes Hilfe war das Gleichgewicht seiner Säfte nach einem Monat wiederhergestellt, er selbst wieder vollständig genesen.«
    De Berka hatte seine

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