Der Medicus von Heidelberg
soll ich nur tun?«
Die Unterhaltung schleppte sich noch eine Weile dahin. Luther wirkte so bedrückt, dass ich es nicht mehr länger mit ansehen mochte. Ich sagte zu ihm: »Am besten wäre, du würdest ein wenig schlafen.« Ich sah ihm in die Augen. »Schlafe doch, schlafe tief. Nachher will ich dich wieder wecken. Dann wird es dir bessergehen. Schlafe, schlafe ein …«
Luther fielen die Augen zu. Sein Gesicht entspannte sich. Nach wenigen Augenblicken zeigten mir seine regelmäßigen Atemzüge, dass er eingeschlummert war.
»Komm, mein Großer«, sagte ich zu Schnapp, der die ganze Zeit brav auf dem Boden gelegen hatte, »wir gehen in unsere Kammer.«
Ich ließ ungefähr eine Stunde verstreichen und nutzte die Zeit, um einige liegengebliebene Dinge zu erledigen. Dann ging ich zurück in Luthers Kammer. Ich fand ihn vor, wie ich ihn verlassen hatte, tief schlafend. Ich legte ihm die Hand auf die Stirn und sagte ruhig: »Wach auf, Martin, und es wird dir bessergehen.«
Er schlug die Augen auf und blinzelte. Dann sah er mich. »Was war das?«, fragte er verwundert.
»Nichts, du hast geschlafen«, antwortete ich leichthin. »Wie fühlst du dich?«
»Viel besser als vorhin.« Luther richtete sich langsam auf. »Sag mal« – er musterte mich mit leichtem Argwohn – »wie kam es eigentlich, dass ich so plötzlich einschlief? Ich weiß nur noch, dass du mir ganz seltsam in die Augen gesehen hast.«
»Ich habe dir ein Schlafmittel gegeben.«
»Das hast du nicht. Das wüsste ich.«
»Es war … sagen wir mal, ein verbales Schlafmittel.«
»Was soll das heißen?«
»Nun ja, es gibt da eine Gabe, über die ich ganz offensichtlich verfüge und die ich in seltenen Fällen einsetze …« Wohl oder übel erzählte ich Luther von meiner außergewöhnlichen Fähigkeit, bereits ahnend, dass er die Anwendung bei sich nicht gutheißen würde.
Und so war es auch.
»Das ist Teufelswerk!«, rief er aus.
»Das glaube ich nicht«, hielt ich ihm entgegen. »Wie kann etwas Teufelswerk sein, das dem Menschen hilft?«
»Es kann ihm nützen oder schaden. Je nachdem, in welche Hände es gerät.«
»Das mag sein. Aber dir hat dieses ›Teufelswerk‹ geholfen, oder nicht?«
»Zweifellos, und ich bin dir auch dankbar. Doch wenn Gott mich mit Schwermut geschlagen hat, werde ich damit leben müssen. Ich möchte nicht, dass du ihm ins Handwerk pfuschst.«
»Ich glaube nicht, dass Gott etwas dagegen hat, wenn ich dir helfe.«
»Und ich glaube, dass sein Ratschluss unergründlich ist.«
So ging es eine Zeitlang hin und her, ohne dass wir zu einem Ergebnis kamen. Wir glaubten beide fest an Gott, nur über das, was ihm wohlgefällig war, herrschte Uneinigkeit zwischen uns. Am Ende streckte ich die Hand aus und sagte: »Könnten wir uns wenigstens darauf einigen, dass Gott es nicht gern sieht, wenn wir uns streiten? Komm, schlag ein.«
Ein Lächeln glättete die Falten auf Luthers Stirn. »Da magst du recht haben.« Er packte meine Linke und schüttelte sie kräftig.
Trotz dieser Meinungsverschiedenheit festigte sich meine Freundschaft zu Luther in der Folgezeit weiter. Er, Schnapp und ich verbrachten manche freie Stunde miteinander, und so blieb es nicht aus, dass ich Zeuge weiterer Trübsinnsanfälle wurde. Doch ich versuchte nie wieder, ihm mit meinem Schlafbefehl zu helfen, zumal der Befehl wohl kaum etwas genützt hätte, denn bei einem Menschen, der sich nach Kräften dagegen sträubt, verliert er seine Wirkung.
Ich bemühte mich vielmehr, ihn auf andere Gedanken zu bringen, indem ich ihm seine Laute in die Hand gab. Es war ein segensreiches Mittel, wie sich zeigte, denn Luther liebte dieses Instrument sehr. Als Mann der Künste hatte er ihm sogar einen Namen gegeben: Soni – wie der Plural von »Laut« im Lateinischen.
Wenn ich ihm Soni reichte, griff er in ihre Saiten, schlug ein paar Akkorde an und richtete sich so an seinem eigenen Spiel wieder auf.
Am zehnten November dieses Jahres wurde Luther einundzwanzig. Er feierte seinen Geburtstag nicht in der Burse wie so viele seiner Kommilitonen, sondern lud in die Andreasstraße ein. Dort steht seit alters her ein ehemaliger Wohnturm, dessen massive Mauern die Schankstube
Im Färberwaid
beherbergten. Dass Luther seine Feier in den
Färberwaid
verlegte, hing sicher auch mit den hohen Wellen zusammen, die das Fest des Römers zuletzt geschlagen hatte. Neben Schnapp und mir zählten zu den Gästen Barward Tafelmaker, Tilman von Prüm und Hiob Rotenhan – die
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