Der Medicus von Heidelberg
sechs, und sechs reimt sich mit Hex’!« Er war schon ein wenig betrunken, ein Zustand, der bei ihm, ähnlich wie bei Tafelmaker, immer recht früh einsetzte. »Hex’ und Teufel, ich sage nur: Armageddon und Apokalypse …!« Der Römer fiel ihm ins Wort: »So weit ist es noch nicht,
carpe diem,
trink einen zum Trost.«
Rotenhan trank und verschüttete den Wein. Von Prüm fing an, Ovid zu zitieren, wahrscheinlich, um die anderen zu ärgern, was Tafelmaker aber nicht weiter scherte. Er kam auf die Sieben zurück, um sie zu verteufeln, aber Luther hielt dagegen. Er sagte in seiner ruhigen Art, in der Sieben stecke die Drei und die Vier. Die Drei stehe für die Dreifaltigkeit, die Vier für die Zahl der Elemente. Der Römer lachte noch immer, er brüllte, er sei für die Fünfundzwanzig, darin sei die Fünf enthalten, die für die Finger an einer Hand stehe, die Neun, welche die Zahl der Musen symbolisiere und gleichzeitig dreimal die Dreifaltigkeit bedeute, die Zehn, weil sie an die Zehn Gebote erinnere – oder an die Fingerzahl beider Hände, je nachdem, was einem lieber sei –, und die Eins, mit der auf dieser Welt alles seinen Anfang nehme.
Tafelmaker lachte albern, er sei dann für die Zweiunddreißig, sie bestehe aus der Zwei, ohne die nichts auf der Welt möglich sei – man denke nur an die Zweisamkeit von Mann und Frau – und fünfmal der Sechs, der bösen Hex’, fünf mal sechs wiederum entspreche zehnmal der Drei, der frommen Dreifaltigkeit, zu der dann zweimal die Eins komme, oder aus vier mal acht, wobei die Vier den Elementen entspreche, aber es gebe ja keine zweiunddreißig Elemente, dafür aber die Acht, die ihre Bedeutung habe, weil mit dem achten Tag die neue Woche beginne, allerdings zerfiele die Acht wieder in zwei mal vier, die Vier wiederum in zwei mal zwei …
»Es ging ein Pater längs der Kant,
griff Nönnelein ans Strumpfeband …«
Luther hatte das einzig Mögliche getan, um der allseitigen Lust am sinnlosen Wortgefecht Einhalt zu gebieten – er hatte ein Lied angestimmt, das jeder mitsingen konnte. Während der Wirt ständig eilfertig nachschenkte, drehte sich das anschließende Gespräch um die kleinen und großen Begebenheiten im Alltag eines Bursariers, um Lektionen, Repetitionen, Professoren und natürlich um die holde Weiblichkeit. Die äußeren Vorzüge und Nachteile der Erfurter Jungfrauen wurden mit Leidenschaft diskutiert, wobei die Zungen immer lockerer, die Zoten immer deftiger wurden, und ich, der ich ein mäßiger Trinker war, begann, des Festes überdrüssig zu werden. Der Verlauf derartiger Feiern war stets der gleiche. Ich wechselte mit Luther, dem es ähnlich wie mir ergehen mochte, einen verständnisinnigen Blick und sagte: »Dank dir für den Abend, Martin, aber ich bin müde. Schnapp und ich möchten nach Hause.«
»Schon recht, hier dürfte es auch nicht mehr lange dauern«, antwortete er grinsend. »Ich singe den Brüdern gleich ein Schlaflied.«
Seit mir das Werk
Trotula major
abhandengekommen war, hatte ich mir angewöhnt, beim Betreten meiner Kammer stets zuerst auf den Tisch zu blicken, um mich von dem Vorhandensein des Lehrbuches zu überzeugen. Eine Eigenart, die mir in Fleisch und Blut übergegangen war, obwohl sie keinen Sinn mehr machte, denn ich hatte das Werk längst zurückgegeben.
Und dennoch lag diesmal etwas da. Es war ein dunkler, runder Stoffballen, groß wie ein Kindskopf, der mit einer zweifarbigen Kordel verschnürt war. Neugierig untersuchte ich den Ballen, konnte aber weder ein Siegel noch sonst einen Hinweis auf seine Herkunft entdecken.
War das seltsame Gebilde überhaupt für mich? Doch, es musste so sein. Es hatte auf meinem Tisch gelegen und war vermutlich von Gemitus, dem Vorsteher, dorthin gelegt worden, nachdem dieser mein Türschloss mit seinem Generalschlüssel aufgesperrt hatte. Gemitus! Er musste den Ballen angenommen haben und würde mir etwas über den Boten sagen können.
Eilig lief ich die Treppen hinunter zu seiner Amtsstube, doch er konnte mir keine Auskunft geben. Er sagte, Kaspar, der Torposten, habe das Paket entgegengenommen, er könne nicht alles wissen, und im Übrigen habe er sehr viel zu tun. Kaspar wiederum war nicht auffindbar, so dass ich mir weitere Nachforschungen fürs Erste ersparte und zurück in meine Kammer ging. Ich begann, das Stoffbündel zu öffnen, löste die aus einem goldenen und einem roten Faden bestehende Kordel und wickelte die äußeren gewachsten Tücher ab. Darunter kam
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