Der Medicus von Heidelberg
der nach wie vor zwischen dem Bayernherzog Albrecht und der Kurpfalz wütete, nicht passen wollte. Und doch berührte mich jede Neuigkeit darüber in besonderem Maße, denn es war Odilies Familie, die mit Albrecht in Fehde lag.
Nachdem Odilies Bruder Ruprecht an der Ruhr gestorben war, hatte seine Gemahlin Elisabeth den Krieg allein weitergeführt, war jedoch am fünfzehnten September 1504 nach der Schlacht bei Wenzenbach ebenfalls der tückischen Krankheit erlegen. Im Namen ihrer Söhne hatten die pfalzgräflichen Räte die Kampfhandlungen fortgesetzt. Dem Feldherrn Georg von Wisbeck war es gelungen, viele Städte im Bayerischen zu brandschatzen, doch München hatte er, wie es hieß, vergeblich belagert. Im Gegenzug hatte der Krieg auch in der Pfalz heftige Verwüstungen angerichtet, das Kloster Limburg bei Bad Dürkheim war bis auf die Grundmauern niedergebrannt worden, und nicht weniger als dreihundert Orte waren der Zerstörung anheimgefallen.
Wie mochte es meiner armen Odilie ergangen sein? Mein Blick ging wie so oft hinüber zu der Pomeranze auf dem Regal, und wie so oft blieb mir die Frucht die Antwort schuldig. Warum konnte die vermaledeite runzlige Kugel nicht sprechen! Ich seufzte und widmete mich wieder Avicenna und den anderen großen Ärzten.
Doch die wenigsten Menschen taugen zum Bücherwurm, der tagtäglich ohne jegliche Ablenkung studieren kann, und auch ich machte da keine Ausnahme. Deshalb war ich erleichtert, als sich am Dreikönigstag die Georgenburse allmählich wieder zu füllen begann, Stimmen und Lachen über die Gänge schallten und die Brüder ihre Köpfe durch meine Tür steckten, um zu fragen, wie Schnapp und ich die Feiertage überlebt hätten. Ich lachte und sagte, ich sei froh, dass sie wieder da seien und dass der Lehrbetrieb am nächsten Tag wieder beginne …
»In der Viersäftelehre«, sagte Professor de Berka, »nimmt das Blut eine entscheidende Rolle ein, da es mit der größten Menge im Körper vertreten ist, und deshalb, meine Herren Studiosi, wollen wir heute diesen Lebenssaft und seine Besonderheiten näher betrachten.« Er schritt wie üblich vor uns auf und ab und machte nur halt, um eine Frage zu stellen. »Nun, weiß jemand, wo das Blut gebildet wird?«
»In der Leber, Herr Professor«, rief der eifrige Rochus Säckler.
»Das ist richtig.« De Berka runzelte die Stirn. »Trotzdem wäre ich Euch dankbar, wenn Ihr mit Eurer Antwort warten würdet, bis ich Euch frage.«
»Jawohl, Herr Professor.« Säckler schluckte den Tadel, ohne mit der Wimper zu zucken. »Ist die Leber nicht auch der Sitz des Lebens? Ich habe das bei Aristoteles gelesen.«
De Berka nahm seine Wanderung wieder auf. »Aristoteles ist zwar in vielem das Maß aller Dinge, aber nicht der Weisheit letzter Schluss. Jedenfalls nicht in dieser Frage, die zweifellos auch eine religiöse Komponente hat. Die Religion aber gehört in die Kirche. Lassen wir das also. Und nun, Säckler, seid so gut und waltet Eures Amtes. Entrollt dieses Schaubild.«
Säckler beeilte sich, der Aufforderung nachzukommen, und de Berka begann mit Hilfe eines Zeigestocks zu dozieren. »Wie Ihr seht, meine Herren Studiosi, fließt das Blut von der Leber in die große Hohlvene, die wir auch
Vena cava
nennen, und von dort in den rechten Vorhof des Herzens und in die rechte Herzkammer. Es bahnt sich seinen Weg weiter durch Löcher in der Herzscheidewand, die wir
septum
nennen, fließt in die linke Herzkammer, von wo aus es, mit dem
Spiritus vitalis
versehen, in alle Teile des Körpers gelangt.«
De Berka hielt inne, ließ uns Zeit, Notizen zu machen, und fuhr dann fort: »Das Herz wird an anderer Stelle Gegenstand einer gesonderten Lektion sein, doch so viel sei heute schon gesagt: Es ist ein faustgroßer Muskel, der durch seine Kraft wie eine Pumpe wirkt. Diejenigen unter Euch, denen die Pflanzenwelt nicht ganz fremd ist, werden feststellen, dass es in seiner Form der Zirbelnuss, dem Zapfen der Zirbelkiefer, ähnlich ist. Dieser Muskel nun stellt jene Antriebskraft dar, die dafür sorgt, dass der Strom des Blutes immerfort fließt. Er ist der wichtigste Muskel überhaupt, ohne ihn würde kein Knochen sich regen, keine Sehne sich spannen, kein Band sich biegen. Angetrieben von dieser Pumpe aus Fleisch, rinnt das Blut durch den gesamten Körper, und irgendwann, nach geheimnisvollen, labyrinthischen Wegen, gelangt es wieder zum Herzen zurück, um von dort erneut seine Reise anzutreten. Merkt Euch darum, meine Herren Studiosi: Das
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