Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen
Der Medicus von Heidelberg

Der Medicus von Heidelberg

Titel: Der Medicus von Heidelberg Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Wolf Serno
Vom Netzwerk:
einfachen Wundärzten zuzurechnen. Platearius nahm mich nicht zuletzt deshalb so gefangen, weil er ein Sohn der von mir bewunderten Trotula war.
    Ich las ferner ein Werk der Benediktinerin Hildegard von Bingen, welches den Titel
Causae et Curae
trug, was so viel wie »Ursachen und Behandlungen« bedeutet. Ob der Titel ein Omen war für das, was mir dabei widerfuhr, vermag ich nicht zu sagen, auf jeden Fall ereilte mich über der Lektüre ein plötzlicher Fieberausbruch.
    Der Ausbruch war so heftig, dass mir übergangslos schwindlig wurde. In meinen Ohren rauschte das Blut. Ich taumelte vom Tisch hinüber zum Bett und ließ mich hineinfallen. Die schweren Balken an der Decke begannen, sich zu drehen. Mir wurde übel. Ich musste mich zur Seite neigen und übergeben. Schnapp stand neben mir und winselte. »Schnapp«, keuchte ich, »geh und hole Hilfe.«
    Schnapp winselte weiter.
    »Nun geh schon.«
    Ich weiß nicht mehr, ob Schnapp gehorchte, denn mir schwanden die Sinne. Als ich wieder aufwachte, wusste ich zunächst nicht, wo ich war. Mir schien, als sei ich in einer fremden Welt. Ein Mann stand an meinem Bett. Gut gekleidet, bärtig, gütig blickend. Er kam mir bekannt vor. »Erkennt Ihr mich nicht?«, fragte er und rüttelte mich sanft an der Schulter. »Ich bin es, de Berka, Euer Professor.«
    »Ja«, flüsterte ich. »Ja, ich kenne Euch. Wo bin ich?«
    »Ihr seid in Eurer Kammer, in der Georgenburse.«
    »Ach ja.« Langsam kam mir die Erinnerung wieder. »Wo ist Schnapp?«
    »Hier.« Es war Luther, der das sagte. Ich hörte Schnapps Hecheln und spürte seine rauhe Zunge an meiner Wange. Die Berührung tat mir gut, denn meine Wange war heiß wie Feuer.
    »Ihr habt hohes Fieber«, sagte de Berka.
    »Es wird schon nicht so schlimm sein«, antwortete ich mit brüchiger Stimme.
    De Berka schüttelte den Kopf. »Ich will Euch reinen Wein einschenken, Nufer. Ich fürchte, Ihr habt das Kopffieber.«
    »Das Kopffieber?« Bei diesem Wort setzte ein gedankliches Karussell in mir ein, dessen Antrieb blanke Furcht war. Auch meine leibliche Mutter hatte das Kopffieber gehabt und war binnen weniger Stunden ein Opfer seiner Heimtücke geworden. Ein nicht stillbarer Durst hatte sie gequält, sie war verglüht wie der Docht einer Kerze. Keine ärztliche Kunst hatte ihr zu helfen vermocht. Sollte mir dasselbe Schicksal beschieden sein? »Ich will leben!«, krächzte ich heiser.
    »Mit Gottes Hilfe werdet Ihr das. Was Menschenhand tun kann, soll geschehen. Doch ist das wenig genug.« De Berka setzte mir einen Becher an die Lippen.
    Ich trank mühsam, dabei die Hälfte verschüttend. »Was ist das?«
    »Ihr solltet nicht so viel fragen. Jedes Wort kostet Euch Kraft, die Ihr zur Genesung braucht.«
    »Was ist das?«
    »Ihr seid hartnäckig.« Über de Berkas Gesicht huschte ein Lächeln. »Das mag ein gutes Zeichen sein. Nun, es ist eine Mixtur aus Weidenrindensaft und Laudanum, verstärkt durch den Abrieb einer halben Perle. Ein stärkeres fiebersenkendes Mittel kennt die Wissenschaft nicht.«
    »Danke«, flüsterte ich. »Ich … glaube, ich muss jetzt gehen, Hildegard von Bingen ruft mich.«
    Das Letzte, was ich spürte, war ein nasses, unangenehm kaltes Gefühl an den Waden. Luther hatte mir, wie ich später erfuhr, Wadenwickel gemacht.
    Als ich das nächste Mal aufwachte, standen Luther, Tafelmaker, Rotenhan und der Römer an meinem Bett. Abermals brauchte ich eine gewisse Zeit, um meine Umgebung zu erkennen. Ich öffnete den Mund, aber nur ein Krächzen kam daraus hervor.
    »Du trinkst zu wenig«, sagte Luther. Er flößte mir aus einem Glasbecher köstliches kaltes Wasser ein. »Aber wenn du schläfst, kannst du nichts aufnehmen. Und du hast lange geschlafen.«
    »Drei Tage und drei Nächte«, sagte Tafelmaker.
    »Und ein Zeug dabei geredet, das man beim besten Willen nicht verstehen konnte«, ergänzte der Römer. »Wahrscheinlich irgendwelche Arztnamen, die kein Mensch kennt, und dann noch diese Hildegard von Bingen …«
    »Eine sehr fromme Frau«, warf Rotenhan ein.
    »Mag sein«, sagte der Römer. »Ich kenne sie nicht. Sie scheint mit einer Prinzessin bekannt zu sein, Odilie oder so ähnlich. Die muss es dir besonders angetan haben.«
    Ich schwieg, denn ich war zu schwach für eine Antwort.
     
    Es sollte über drei Wochen dauern, bis ich wieder aufstehen konnte. Luther, Tafelmaker, Rotenhan und auch der Römer hatten sich tagein, tagaus um mich gekümmert, hatten mich gefüttert, wenn ich hungrig war, gesäubert, wenn

Weitere Kostenlose Bücher