Der Medicus von Heidelberg
»Ich hatte den Tod vor Augen, als unser Gefährt von gottlosen Kriegsknechten überfallen wurde. Die Spitzbuben nahmen mir und den anderen Insassen alles, was von Wert war. Außer meinem braven Hund besaß ich danach nur noch das, was ich auf dem Leibe trug.«
Huthenne, ein schwerer Mann mit schütterem Bart, riss erschreckt die Augen auf. »Jaja, die Zeiten sind schlimm. Langsam begreife ich, warum Ihr so wenig standesgemäß gekleidet seid. Aber da Ihr heil und gesund vor mir steht, muss Gott seine schützende Hand über Euch gehalten haben.«
»So ist es, Eure Magnifizenz.«
»Aber, aber, nicht so förmlich, Nufer. ›Herr Professor‹ genügt.«
»Danke, Herr Professor. Auch in der folgenden Zeit vergaß der Herrgott mich nicht, auch wenn ich zuweilen nahe daran war, das zu bezweifeln. Mein nächstes Ziel hieß Würzburg, und die Umstände zwangen mich, jede einzelne Meile dorthin
per pedes
zurückzulegen.«
»Auch unser Herr Jesus wandelte weite Strecken zu Fuß.«
»Gewiss, Herr Professor. Wobei die größte Schwierigkeit nicht das Marschieren war, sondern der allgegenwärtige Hunger. Hunger ist stets ein schlechter Begleiter. Zu meinem Glück fand ich noch vor Würzburg eine Anstellung bei einem Schäfer. In der Nähe von Gerchsheim war es, als er mich traf und zu mir sagte: ›Wie es scheint, hast du einen Hund, der dir aufs Wort gehorcht. Kann er Schafe hüten?‹
Ich sagte: ›Der Hund und ich werden dafür sorgen, dass deine Tiere nicht fortlaufen.‹ Damit war ich einer Antwort ausgewichen, denn Schnapp, so heißt mein Hund, hatte sein Lebtag noch nicht auf Schafe aufgepasst. Ich selbst auch nicht, doch ich traute mir zu, die Herde des Schäfers, die friedlich auf einer Waldwiese graste, zusammenzuhalten. ›Wie lange soll ich die Tiere hüten, und wie viel wirst du mir dafür geben?‹, fragte ich.
Der Schäfer runzelte die Stirn und erwiderte: ›Du hast noch keinen Handschlag getan und redest schon von Geld? Dich sticht wohl der Hafer? Fang erst mal an, dann wird sich alles finden.‹
Wohl oder übel willigte ich ein. Die Aussicht auf ein paar Münzen, die es mir erlauben würden, ein wenig Nahrung zu erstehen, war allzu verlockend.
›Nimm das‹, sagte der Schäfer und drückte mir eine Steinschleuder in die Hand. ›Damit kannst du jedem den Appetit verderben, der aus meinen Tieren einen Braten machen will.‹
Ich nahm die Schleuder entgegen und sagte: ›Ich hätte selbst gern etwas zu beißen. Wenn du mir schon keine Münze gibst, dann wenigstens etwas Brot und Wurst.‹
›Du scheinst ein rechter Starrkopf zu sein‹, erwiderte er. ›Aber meinetwegen.‹ Er griff in seinen Rucksack und gab mir einen halben Laib Brot und fünf Krammetsvögel. ›Die hab ich mit der Schleuder erlegt. Wer damit umzugehen weiß, muss andere nicht fragen, ob sie etwas zu essen hätten, wenn du verstehst, was ich meine. In ein paar Tagen werde ich nach dir sehen, und wehe, von meinen siebenunddreißig Tierchen fehlt auch nur eins.‹
Nach diesen wenig freundlichen Worten ging er fort. Er sollte, was ich damals nicht ahnte, erst nach sechs langen Wochen zurückkommen. In der Zeit dazwischen erlebte ich, was es heißt, in einem fremden Land auf sich allein gestellt zu sein, ohne Dach über dem Kopf, Wind und Wetter ausgesetzt, nur in Gesellschaft eines Hundes und mehrerer Dutzend Schafe. Doch das Hüten ließ sich leichter an, als ich dachte, denn ein Schaf neigt stets dazu, in seiner Herde zu bleiben. Die Verantwortung, die ich für das Leben der Wolltiere hatte, wog da schon schwerer. Und die Langeweile …«
Ich hielt inne, denn ich sah, dass Huthennes Kopf nach vorn gesunken war. »Verzeiht, Herr Professor. Wenn ich zu langatmig werde, sagt es mir bitte.«
Huthenne schreckte auf. »Nein, nein, Eure Ausführungen sind sehr interessant, Nufer. Zum Schafhirten wurdet Ihr also. Ein ehrenwerter Beruf. Er erinnert mich an den dreiundzwanzigsten Psalm, wo es heißt: Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln …«
»Leider war es bei Schnapp und mir nicht ganz so, Herr Professor. Wir hatten ständig Hunger, denn das Brot des Schäfers und die Krammetsvögel reichten kaum für einen Tag. So musste ich mich wohl oder übel näher mit der Steinschleuder beschäftigen. Sie ist eine sehr wirksame Jagdwaffe, zumindest in der Theorie. In der Praxis sah die Sache jedoch anders aus. Wie Ihr sicher bemerkt habt, fehlen mir zwei Finger an der rechten Hand. Ich war deshalb gezwungen, die Schleuder mit der
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