Der Medicus von Heidelberg
Linken zu gebrauchen, was für mich als Anfänger eine zusätzliche Schwierigkeit bedeutete.«
»Jaja, jetzt sehe ich es auch. Euch fehlen zwei Finger. Ein Unfall, nehme ich an?«
»So kann man es nennen, Herr Professor.« Da ich nicht näher auf meine Selbstverstümmelung eingehen wollte, redete ich schnell weiter: »Um meine Behinderung wettzumachen, übte ich Tag für Tag, und es gelang mir, einiges Geschick in der Handhabung der Schleuder zu entwickeln. Ich erlegte Feldhasen und Fasane, ohne deren Fleisch ich sicher verhungert wäre. Ich war schon drauf und dran, die Herde zu verlassen, als der Schäfer endlich zurückkehrte. Er zählte als Erstes die Herde durch und sagte anklagend: ›Ich hatte achtunddreißig Tiere in deine Obhut gegeben, jetzt sind es nur noch siebenunddreißig.‹
Ich protestierte und versicherte, es seien von Anfang an nur siebenunddreißig gewesen. Darüber entstand ein Streit, an dessen Ende der Schäfer sagte: ›Ich bin ein friedliebender Mann. Wir werden uns einigen. Das Schaf, das mir verlorenging, will ich mit der Bezahlung deiner Dienste verrechnen. Wir sind quitt. Nun magst du deiner Wege ziehen.‹
Ob dieser Unverfrorenheit fehlten mir die Worte. Doch was hätte ich machen sollen? Zähneknirschend fügte ich mich. Mein einziger Trost: Der Schäfer hatte vergessen, mir die Steinschleuder abzunehmen. Sie sollte mir im Laufe meiner weiteren Wanderung immer wieder gute Dienste leisten.«
Huthenne nickte und verjagte eine Fliege von seiner Stirn. »Der Schäfer war zweifellos ein Betrüger, den der Zorn des Herrn treffen wird. Doch vergesst nicht: Ihr habt trotz allem Gewinn aus der Sache gezogen – die Jagdwaffe nämlich sowie die Fertigkeit, mit ihr umzugehen.«
»So sehe ich es auch, Herr Professor. Meine nächste Station, an der ich länger verweilte, war die alte Reichsstadt Schweinfurt. Dort arbeitete ich bei einem Wagner, der seine Werkstatt am Rossmarkt hatte. Da sich zum allmonatlichen Pferdehandel immer viele Fuhrleute mit ihren Fahrzeugen einfanden, hatte der Wagner stets viel zu tun. Ich diente ihm zwar nur als Hilfsmann, hatte aber Gelegenheit, einen Einblick in die Kunst des Radbaus zu bekommen. Jedes einzelne Rad besteht aus neunzehn verschiedenen Holzteilen, müsst Ihr wissen. Wenn auch nur eines nicht vollkommen ist, sind die anderen achtzehn Feuerholz.«
»Was Ihr nicht sagt, Nufer.« Die Fliege erwies sich als hartnäckig. Schon zum dritten oder vierten Mal setzte sie sich auf Huthennes Stirn.
»Das beste Material ist Eiche, aber auch Ahorn und Esche finden Verwendung. Neben Felgen und Speichen ist der wichtigste Teil eines guten Rades die Nabe. Sie ist im wahrsten Sinne des Wortes der Mittelpunkt und wird vor dem Einbau gekocht.«
»Gekocht?« Huthenne riss die Augen auf.
»Ja, Herr Professor, in Öl. Dadurch verändert sich das Gefüge des Holzes, es wird härter und widerstandsfähiger.«
»Ich wünschte, ich könnte ebenfalls widerstehen. Der Herrgott vergebe mir, aber wenn mich dieses Getier nicht endlich in Ruhe lässt, werde ich es eigenhändig …«
Huthenne ließ den Satz unvollendet, und ich sprach weiter: »Bis in den Juli hinein arbeitete ich bei dem Wagner. Als es Zeit war, weiterzuziehen, schenkte er mir als Dank einen gutgebauten Handkarren. Bare Münze wäre mir lieber gewesen, aber ich konnte mir die Art meines Entgelts nicht aussuchen. Mit meinem Hund und dem Karren zog ich weiter nach Suhl, wo ich in der Nähe von Dietzhausen bei einem Bauern umsonst Unterschlupf fand. Als Gegenleistung half ich ihm mit meinem Karren bei der Heuernte. Ich arbeitete auch im Stall, wo ich mich um die Ackergäule kümmerte und deren Geschirr instand hielt. Doch Mitte August musste ich weiter, denn mein Hund vertrug sich nicht mit dem neuen Hofhund. Ständig gab es Beißereien. Schnapp ist von gutmütiger Natur, aber wenn er angegriffen wird, wehrt er sich mit scharfen Zähnen.
Wir marschierten zusammen nach Erfurt, und auf diesem Weg geschah es zum ersten und einzigen Mal, dass ich überfallen wurde. Wenn Schnapp nicht gewesen wäre, hätte ich die Stadt an der Gera wohl niemals erreicht. Mitten in der Nacht war es, ich schlief tief und fest, als Schnapp plötzlich anschlug. Ich erwachte, konnte zunächst aber nichts erkennen. ›Was ist los, Schnapp?‹, wollte ich fragen, doch da hatte man mir schon eins übergezogen. Ich muss für einige Augenblicke ohnmächtig gewesen sein, denn als ich erwachte, hörte ich das Geschrei eines Mannes, in dessen Arm
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