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Der Medicus von Heidelberg

Der Medicus von Heidelberg

Titel: Der Medicus von Heidelberg Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Wolf Serno
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sich Schnapp verbissen hatte. Der Kerl hatte ein Messer in der Hand, mit dem er mich wohl meucheln wollte. ›Lass das Messer fallen!‹, rief ich, und der Kerl gehorchte fluchend. Dann befahl ich Schnapp, loszulassen. Der Kerl fluchte noch immer, denn er litt Schmerzen.
    Ich sagte: ›Wenn du fliehen willst, nur zu. Schnapp wird dich gern aufhalten.‹ Dann fachte ich das Feuer an, riss einen Streifen von meinem Leinenhemd ab und verband den Kerl im Schein der Flammen. Er war ein Landstreicher, kaum älter als ich, der es auf meine Habe abgesehen hatte. Sein Komplize, der mir eins übergezogen hatte, war schon über alle Berge. ›Wie heißt du?‹, fragte ich.
    Er antwortete: ›Lips.‹
    Ich fragte: ›Warum hast du mich überfallen, Lips?‹
    Er zuckte mit den Schultern. ›Was soll man anderes tun, wenn man nichts zu fressen hat?‹ Dann erzählte er mir lang und breit, wie armselig sein bisheriges Leben verlaufen sei, dass er Waise sei, aufgewachsen bei hartherzigen Leuten, die ihn täglich geschlagen und zu schwerer Arbeit gezwungen hätten. Ich war sicher, er log, dass sich die Balken bogen. Dennoch tat er mir leid. Ich wollte ihn schon ziehen lassen, da besann ich mich eines Besseren und überprüfte meine Kiepe und meine Taschen. Ich stellte fest, dass zwei meiner Empfehlungsschreiben fehlten. ›Wo sind meine Briefe?‹, fuhr ich ihn an.
    ›Die hat wohl der Michel mitgenommen.‹
    ›Welcher Michel?‹
    ›Mein Kumpan.‹
    ›Was wollt ihr mit meinen Briefen? Sie können euch nichts nützen!‹
    ›Vielleicht doch.‹ Lips blickte mich treuherzig an. ›Sie sind auf Pergament geschrieben, das ist was wert. Man kann die Schrift abkratzen und das Pergament verkaufen, und der Käufer kann wieder neu drauf schreiben.‹
    Dass Pergament mehrfach zu benutzen ist, war mir natürlich bekannt. Aber es erstaunte mich, dass diese einfachen Burschen es auch wussten. Ihre Not musste wirklich groß sein, wenn sie schon meine Briefe stahlen. Ich überlegte einen Augenblick, dann sagte ich: ›Ich werde dich fesseln und morgen früh laufenlassen, aber dein Messer werde ich behalten. Wenn du es wiederhaben willst, bring mir meine Briefe zurück.‹
    Er versprach es hoch und heilig und fragte, wo er mich finden könne, um mir die Briefe auszuhändigen, und ich sagte, ich würde immer der Straße nach Erfurt folgen, er könne mich nicht verfehlen.
    Wie angekündigt, ließ ich ihn am nächsten Tag ziehen, wobei ich Schnapp festhalten musste, da er noch immer glaubte, er müsse mich verteidigen. Nachdem Lips fort war, machten Schnapp und ich uns wieder auf den Weg. Es dauerte noch mehrere Tage, bis wir Erfurt erreichten, doch leider ließ Lips sich nicht wieder blicken. Nun, vielleicht war das nicht anders zu erwarten.«
    Huthenne, dem es gelungen war, die Fliege endgültig zu vertreiben, sagte: »Ihr habt Barmherzigkeit walten lassen, Nufer, aber es wurde Euch nicht gedankt. Dafür danke ich Euch. Ihr habt mir Eure Geschichte in allen Einzelheiten erzählt, und ich weiß jetzt, wie Euch die beiden weiteren Empfehlungsschreiben abhandengekommen sind.«
    »Jawohl, Herr Professor«, antwortete ich und konnte mich dabei eines schlechten Gewissens nicht erwehren, denn alles, was Odilie direkt oder indirekt betraf, hatte ich verschwiegen. Ich hatte verschwiegen, dass kein Tag vergangen war, an dem ich mich nicht nach ihr gesehnt hätte. Ich hatte verschwiegen, dass die Niederlage Ruprechts von der Pfalz gegen den Bayernherzog Albrecht, von der in jüngster Zeit landauf, landab gesprochen wurde, für mich eine besondere Bedeutung hatte, da Ruprecht ein Bruder von Odilie war. Ich hatte verschwiegen, dass in dem Gefecht, welches am dreizehnten Juli stattgefunden hatte, Götz von Berlichingen seine rechte Hand verlor – jene Hand, die Odilies Kinn so hämisch und entlarvend angehoben hatte. Ich hatte verschwiegen, dass meine arme Odilie sicher seit kurzem Trauer trug, da Ruprecht ein paar Tage nach dem Gefecht mit Albrecht elend an der Ruhr gestorben war.
    Das und mehr hatte ich für mich behalten, doch wozu sollte ich etwas erzählen, das man mir ohnehin nicht geglaubt hätte. Stattdessen sagte ich: »Nun wisst Ihr, hochverehrter Herr Professor, warum ich nicht nur ein Magister Artium bin, sondern auch ein Schafhirte, ein Radbauer und ein Stallknecht. Ich habe alle diese Tätigkeiten mit Eifer ausgeübt, doch jede einzelne nur, um meinem großen Ziel näher zu kommen: dem Studium der Medizin.«
    »Und das werdet Ihr auch.«

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