Der Medicus von Heidelberg
ganze Kraft eingesetzt, um das ungeborene Leben im Leib meiner Stiefmutter zu retten. Und das war ihm gelungen. Wie es meiner Familie wohl ging? Seit ich von Basel nach Erfurt aufgebrochen war, hatte ich nichts mehr von ihr gehört. Das letzte Lebenszeichen war ein kurzer Brief gewesen, der mich noch vor dem großen Erdbeben erreicht hatte. Vater versicherte darin, sie wären alle wohlauf. Auch mein kleiner Bruder Elias …
»
In wie viele Häuser ich auch komme, eintreten werde ich nur zum Heile der Kranken, mich fernhaltend von jedem vorsätzlichen Unrecht und jeder anderen Verderbtheit, vor allem von wollüstigen Handlungen an den Körpern von Frauen und Männern, seien es Freie oder Sklaven.
Nun, meine Herren Studiosi, was ist an diesem Passus bemerkenswert? Ich will es Euch sagen: Nicht nur die Tatsache, dass der Arzt in der Ausübung seiner Kunst der Fleischeslust bei Frauen und Männern abschwört, sondern auch, dass dies gleichermaßen für Sklavinnen und Sklaven gilt. Der Gedanke des Ethos, also des Bewusstseins der sittlichen Werte, dem sich der Arzt stets verpflichtet fühlen soll, spiegelt sich in diesen Worten wider.
Ich komme nun zu einer Textstelle, die mir besonders am Herzen liegt. Sie lautet:
Was immer ich bei der Behandlung oder auch außerhalb der Behandlung aus dem Leben der Menschen sehe oder höre, was nicht ausgeplaudert werden darf, darüber werde ich schweigen in der Überzeugung, dass diese Geheimnisse heilig sind.
Nun, meine Herren Studiosi, wir entnehmen dieser Textstelle, dass die Schweigepflicht ein ganz besonderer Baustein im edlen Gebäude dieses einmaligen Schwures ist. Sie ist seit der Zeit der Hippokratiker ein Dogma, an das sich jeder Arzt hält.«
De Berka räusperte sich. »So weit, so gut, das waren sie, die wichtigsten Punkte des hippokratischen Eides. Doch täuscht Euch nicht, Ihr angehenden Jünger des Asklepios: Das bloße Nachplappern der Eidesformel macht noch lange keinen guten Arzt. Bis dahin ist es für jeden von Euch ein langer Weg. Bleibt bescheiden und wisset stets, dass Ihr nichts wisst. Das ist die beste Voraussetzung.«
Da die meisten der Studenten zu diesem Zeitpunkt dachten, die Vorlesung sei vorbei, und aufstehen wollten, hob de Berka abwehrend die Hände. »Gemach, gemach, ich weiß, die Freiheit lockt, aber noch ist die erste Lektion nicht vorüber. Denn es gibt eine Stelle im Eid, die zwar nicht als letzte aufgezählt wird, die ich mir aber trotzdem bis zuletzt aufgehoben habe. Sie heißt:
Bei einem Steinkranken werde ich niemals den Schnitt machen, sondern ihn den Männern überlassen, deren Wirken sich darauf erstreckt.
Kann sich jemand denken, warum ich diesen Satz als außerordentlich bezeichne?«
Da niemand das Wort erhob, sagte ich: »Nach allem, was Ihr ausgeführt habt, Herr Professor, ist es die einzige Stelle, in der eine Behandlung konkret angesprochen wird.«
»Recte!«
De Berka nickte anerkennend. »Ihr habt den Nagel auf den Kopf getroffen, Nufer. Doch ich möchte hinzufügen, dass die Stelle sehr umstritten ist, denn sie lässt sich unterschiedlich deuten. Einerseits liegt es nahe, dass ein kluger Arzt einen schwierigen Eingriff dem Spezialisten, dessen ›Wirken sich darauf erstreckt‹, überlässt, andererseits waren die hippokratischen Heiler durchaus schon in der Lage, die Trepanation eines Schädels vorzunehmen. Ach, nebenbei: Weiß jemand, was eine Trepanation ist?«
»Eine Schädelöffnung, Herr Professor«, antwortete einer in der ersten Reihe.
»Sehr richtig. Und zwar mit Hilfe des Trepans, eines Bohrers also. Auch beherrschten sie die Kunst, die Brusthöhle zu durchbohren und mit einer Hohlnadel den Eiter abzusaugen, ebenso wie sie einen Nierenabszess zu eröffnen vermochten oder andere heikle Operationen meisterten. Warum also sollten sie es abgelehnt haben, den Steinschnitt durchzuführen?« De Berka schaute fragend in die Runde. »Ich sehe schon, Ihr wisst es nicht, meine Herren Studiosi. Nun, ich kann Euch beruhigen. Ich weiß es auch nicht.«
Beifälliges Gelächter ertönte. De Berka hob die Hand, und sofort kehrte wieder Ruhe ein. »Allerdings gibt es eine Vermutung. Sie geht dahin, dass bei dem genannten Schnitt in der Regel eine Entzündung eintritt, die ein Ende der Zeugungsfähigkeit nach sich zieht. Häufig sogar den Tod. Eine Folge, die kein guter Arzt wollen kann.«
Ich dachte an die arme Gertrud und meldete mich. »Wenn der Verlust der Zeugungsfähigkeit die Ursache für die Verweigerung des Eingriffs war,
Weitere Kostenlose Bücher