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Der Medicus von Heidelberg

Der Medicus von Heidelberg

Titel: Der Medicus von Heidelberg Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Wolf Serno
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so hätte man ihn doch wenigstens bei Frauen durchführen können? Damals gab es die Kirche noch nicht, die dem Arzt verbietet, einen fremden weiblichen Körper zu betrachten.«
    Dass ich mit diesen Worten ein verfängliches Thema angesprochen hatte, merkte ich sofort an de Berkas Gesichtsausdruck. Er schwieg, hüstelte und sagte dann: »Wir wollen hier nicht die Heilige Schrift auslegen, sondern unser Augenmerk auf die Medizin legen, Nufer. Sinnvoller erscheint es mir, einen kleinen Exkurs über den Steinschnitt zu machen, damit alle wissen, wovon die Rede ist.«
    Er befahl einem Studenten aus der ersten Reihe, sein Name war Rochus Säckler, ein Pergament zu entrollen und es so zu halten, dass alle im Saal die Abbildungen darauf sehen konnten. Sie bestanden aus mehreren als
Figur
bezeichneten, durchnumerierten Darstellungen, von denen die größte einen sitzenden Patienten von vorn zeigte. Ein Helfer beugte sich von hinten über seine Schulter und zog ihm den Hodensack hoch, während zwei weitere Helfer ihm von links und rechts die Knie auseinanderbogen und nach oben an den Körper pressten, wodurch das sogenannte Mittelfleisch, die Zone zwischen Hodensack und Anus, gut zugänglich war. Dem Patienten gegenüber saß der Arzt, ein spezielles Instrument in der einen Hand, den Zeige- und Mittelfinger der anderen Hand in den Anus des Kranken gesteckt.
    Angesichts dieser Abbildung ging ein Raunen durch den Saal.
    De Berka achtete nicht darauf, sondern kam sofort zur Sache. »Ihr seht, meine Herren Studiosi, der Steinschnitt ist eine sehr aufwendige Operation, die einschließlich des Arztes und des Patienten nicht weniger als fünf Personen erfordert. Wie der Eingriff in allen Einzelheiten abläuft, will ich heute nicht referieren, das führte zu weit. Doch das Wichtigste in Kürze. Das Instrument, das der Arzt in der Rechten hält, ist ein sogenanntes Lithotomon. Ein Werkzeug, das zwei Instrumente in sich vereint. Es ist auf der einen Seite ein chirurgisches Messer und auf der anderen Seite ein Haken. Bei Eingriffen wie diesem hat es sich bewährt, weil der Operateur mehrfach schneiden und das geteilte Gewebe spreizen muss, ein Vorgang, bei dem er jeweils das Instrument nur umzudrehen braucht. Ihr seht das Lithotomon in
Figur zwei
noch einmal größer dargestellt.
    Figur drei
zeigt Euch die vergrößerte rechte Hand des Arztes mit ausgestrecktem Zeige- und Mittelfinger. Beide Finger reibt sich der Operateur dick mit Salbe ein, bevor er sie tief in den Anus einführt. Er versucht, mit den Fingerspitzen an die Blase heranzureichen, prüft, tastet und spürt mit einigem Geschick etwas Hartes – den Stein. Es gilt nun, den Stein mit den Fingerkuppen so zu dirigieren, dass er nach außen gegen das Mittelfleisch gedrückt werden kann.
Figur vier
verdeutlicht diesen Vorgang.«
    De Berka blickte auf. »Gibt es bis hierher Fragen?«
    Da das nicht der Fall war, setzte er seine Erklärungen fort: »Danach führt der Operateur einen schrägen Schnitt über dem ertasteten Stein aus. Ach, nebenbei: Kann sich jemand denken, warum er keinen geraden Schnitt macht?«
    Die Schar der Studenten rätselte, doch niemand wusste es.
    »Wenn er diagonal ansetzt, kann er den Einschnitt länger machen, und wenn der Einschnitt länger ist, wird die Öffnung größer. Er wird mehrere Male schneiden müssen, bis er das Gewebe vollends durchtrennt hat, wobei er wiederholt das Lithotomon wendet, um die Wunde zu spreizen. Ist er bis zur Blasenwand vorgedrungen, wird er in der Regel feststellen, dass die Blase stark gefüllt ist. Beim Einschnitt in die Blasenwand spritzt reichlich Urin hervor, der ihn unangenehm treffen kann. Er darf sich jedoch nicht davon ablenken lassen, sondern muss versuchen, den Stein durch die geschaffene Öffnung nach außen zu drücken.
    Die Befreiung von Stein und Urin ist für den Patienten stets eine grenzenlose Erleichterung. Wenn er die Prozedur bis zu diesem Punkt ausgehalten hat, ist das Wichtigste überstanden. Es folgt das Verbinden der Wunde mittels Leinenstreifen. Die Wundränder sollen einander überlappen. Sie werden nicht vernäht. Der Grund dafür wird Euch gleich einleuchten.«
    De Berka legte eine kurze Pause ein, musterte die teils betroffenen, teils bestürzten Gesichter seiner Studenten und setzte dann seine Rede fort: »Der Verband muss mindestens zwei Tage an Ort und Stelle bleiben. So lange darf der Patient die Beine auf keinen Fall spreizen. Am besten, er verbringt die Zeit im Liegen. Er darf nur leichte

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