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Der Medicus von Heidelberg

Der Medicus von Heidelberg

Titel: Der Medicus von Heidelberg Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Wolf Serno
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Kost zu sich nehmen, ausschließlich solche, die wenig Flüssigkeit enthält und keine Blähungen verursacht. Trinken soll er nach Möglichkeit gar nichts. Sind zwei Tage vergangen, soll der Verband erneuert werden. Der Patient wird dann das erste Mal Wasser lassen, und zwar noch durch die Wunde. Bei dieser Gelegenheit können weitere Steinchen und auch feinste Partikelchen, der sogenannte Sand, herausgeschwemmt werden.«
    De Berka hielt abermals inne. »Nun wisst Ihr auch den Grund, warum die Wundränder nicht vernäht werden dürfen. Die restliche Behandlung besteht im regelmäßigen Wechseln des Verbandes. Nach einer Woche sollte der Patient wieder normal urinieren können, allerdings muss er sich dabei noch die Wunde zuhalten. Nach zwei weiteren Wochen wird auch das nicht mehr notwendig sein.«
    De Berka wies den Studenten Rochus Säckler an, er möge das Pergament mit den Schaubildern zusammenrollen und an seinen Platz zurücklegen. »Wie ich am Anfang sagte: Dies war nur ein kurzer Abriss der Operation. Sie ist in Wahrheit wesentlich schwieriger und überdies für keine Seite erfreulich. Auch wenn Ihr, meine Herren Studiosi, später als Medicus den Eingriff nicht selbst durchführen, sondern allenfalls beaufsichtigen werdet, so ist er doch zweifelsfrei eine der unangenehmsten Prozeduren überhaupt.«
    De Berka begann wieder, auf und ab zu gehen. »Wenn einer unter Euch sein sollte, der es sich jetzt anders überlegt und auf den Beruf des Arztes lieber verzichten möchte, so sage er es frei heraus. Ich werde es ihm nicht übelnehmen.«
    Erwartungsgemäß meldete sich niemand, woraufhin de Berka die Vorlesung beendete. Einige der Studenten drängten sich eifrig um ihn, sie gehörten jener unausrottbaren Sorte an, die sich durch mehr oder weniger überflüssige Fragen beim Lehrer einschmeicheln wollen. Deshalb dauerte es eine Weile, bis ich Gelegenheit fand, ihn anzusprechen. »Herr Professor«, sagte ich, »es tut mir leid, wenn ich vorhin eine falsche Frage gestellt habe, aber sie war mir wichtig, weil ich eine alte Frau elend am Stein habe sterben sehen.«
    De Berka setzte sein leutseliges Lächeln auf. »Macht Euch darüber keine Gedanken, Nufer. Eure Frage war berechtigt. Sie hatte nur nichts in meinem Unterricht zu suchen, da dieser gewissermaßen öffentlich ist und das Verhältnis zwischen der Kirche und uns Ärzten manchmal, äh, recht angespannt. Unsereins streitet für die Gesundheit, die Kirche für die Keuschheit. Beides verträgt sich nicht immer.«
    »Ich verstehe, was Ihr meint. Aber ich denke, Frauen leiden genauso wie Männer unter dem Stein. Wenn ich den Eingriff durchführen könnte, würde ich stets auch eine Frau operieren.«
    »Soso, das würdet Ihr?« De Berka zog die Augenbrauen hoch, was ihm etwas Uhuhaftes verlieh. »Nun, das ehrt Euch. Die Zahl der Medici, die das Skalpell regelmäßig in die Hand nehmen, ist begrenzt. Wenn Ihr jedoch entschlossen seid, einmal zu diesem Kreis zu gehören, ist das bemerkenswert. Umso mehr, als Ihr eine verkrüppelte Rechte habt.«
    »Das stimmt, Herr Professor. Mir fehlen dort zwei Finger. Doch ich habe mit den verbliebenen drei geübt. Die Kraft reicht, um eine Inzision wie bei der Steinoperation durchzuführen. Nur wenn es gilt, einen Knochen zu durchsägen, muss ich die Linke nehmen.«
    De Berka wunderte sich. »Ihr habt gerade erst Eure Einführungslektion hinter Euch, aber schon praktische Erfahrungen mit chirurgischen Instrumenten? Wie das?«
    »Ich besitze ein Skalpell, Herr Professor. Und ich habe eine Zeitlang bei einem Bauern gearbeitet. Als dieser eine Sau schlachtete, nutzte ich die Möglichkeit, am toten Tier zu üben.«
    »Ich verstehe. Das haben übrigens schon viele vor Euch getan. Es ist kein schlechter Weg, sich fortzubilden, zumal das tote Tier uns eine Menge über die Anatomie des Menschen vermitteln kann. Um auf den Steinschnitt zurückzukommen: Jeder Studiosus muss selbst entscheiden, ob er lernen will, ihn auszuführen. Ich selbst habe mich stets damit begnügt, einem tüchtigen Wundarzt die entsprechenden Anweisungen zu geben.«
    »Dennoch habt Ihr die Verantwortung übernommen.«
    De Berka seufzte. »Ja, das habe ich. Und es ist mir einige Male nicht leichtgefallen. Ich gestehe, über die Hälfte meiner Patienten ist danach verstorben. Und jedes Mal, wenn es geschah, war es ein entsetzliches Gefühl zwischen Angst, Zorn und Hilflosigkeit. Doch die Operation muss versucht werden, denn es gibt keine Alternative zu ihr. Wobei die

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