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Der Medicus von Heidelberg

Der Medicus von Heidelberg

Titel: Der Medicus von Heidelberg Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Wolf Serno
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Grundkenntnisse in lateinischer Grammatik vermittelt. Während sie sich damit abmühten, entschlüpfte diesem oder jenem versehentlich ein deutsches Wort, und jedes Mal, wenn das der Fall war, riefen die anderen triumphierend: »Wolf!«
    Ich kannte diesen Brauch noch von Basel. Auch in der Burse im Kollegium am Rheinsprung war es üblich gewesen, einander auf derlei Weise anzuschwärzen. Eine Unsitte, die ich noch nie gemocht hatte, denn sie erzog die Schüler zur Schadenfreude. Niemand wusste genau, warum ausgerechnet der Wolf seinen Namen für das Fehlverhalten hatte hergeben müssen, aber vielleicht hing es damit zusammen, dass er als reißendes Rudeltier der Inbegriff des Bösen war.
    Ich überhörte die Wolf-Rufe geraume Weile, bis mir nichts anderes übrigblieb, als darauf einzugehen, denn einer der Schüler fragte mich, warum ich keine Striche machen würde.
    »Striche?« Ich verstand nicht.
    »Im Pult liegt der Wolfszettel«, sagte er. »Da stehen unsere Namen drauf, und hinter den Namen sind die Striche.«
    Ich musste ihn noch immer verständnislos angesehen haben, denn er sprach weiter: »Jeder Strich ist ein Wolf, bei drei Wölfen gibt es ein Dutzend Hiebe auf die Finger.«
    Ich schaute ins Pultfach und entdeckte den Zettel, wie der Junge gesagt hatte. Daneben lag eine Weidenrute. Ich nahm sie und hielt sie hoch. »Wer schlägt euch damit?«, fragte ich und ahnte die Antwort bereits.
    »Der Magister Engelhuss.«
    »Aha.« Es stand mir nicht zu, die Erziehungsmethoden von Engelhuss zu kritisieren, aber ich nahm mir vor, ihn demnächst darauf anzusprechen. Schläge, das wusste ich aus Erfahrung, sind nie ein guter Lehrmeister. »Bei mir gibt es keinen Wolfszettel und keine Striche«, sagte ich. »Wenn einer von euch aus Versehen ins Deutsche abgleitet, halten die anderen den Mund. Ich habe selbst Ohren.«
    Ich legte Zettel und Rute wieder an ihren Platz und setzte den Unterricht fort. Ich fragte, wer Donat und Priscian gewesen seien, und sie wussten, dass Donat eigentlich Aelius Donatus geheißen hatte und ein römischer Grammatiker und Rhetoriklehrer war, der im vierten Jahrhundert nach der Geburt Jesu lebte. Priscian, eigentlich Priscianus Caesariensis, der ebenfalls ein berühmter Grammatiker war, kannten sie auch.
    Nun, das war wenigstens etwas. Doch die Kenntnis von Namen ist das eine, das freie Sprechen in ganzen, fehlerlosen Sätzen das andere. Und genau daran haperte es. Ich sah mich gezwungen, in der folgenden Stunde vieles repetieren zu lassen, etwa die regelmäßige und die unregelmäßige Deklination, die Komparation der Adjektive, die grammatischen Genera, die Bildung von Verben durch Affixe, die Satzkonstruktion und manches andere.
    Es blieb mir bei alledem nicht verborgen, wie wenig ihnen der Stoff behagte, und machte ihnen klar, dass man eine Sprache von Grund auf verstehen muss, um sie perfekt sprechen zu können. Einer unter ihnen fiel mir besonders auf. Er hatte kräftige, dunkelblonde Brauen, dazu Augen, die tief in den Höhlen lagen, was seinem Blick einen ernsten, leicht umwölkten Anstrich verlieh. Sein Name war Eoban Koch. Eoban – oder Eobanus, wie er sich lieber nannte – hatte im Gegensatz zu seinen Kommilitonen kaum Schwierigkeiten mit der zähen Kost, die ich ihnen vorsetzte. Ich sprach ihn nach dem Unterricht darauf an, und er antwortete: »Es ist kein Wunder, dass mein Latein recht passabel klingt, Herr Magister, denn ich habe es zu meinem Studienfach an der Hierana erkoren.«
    »Aber warum nimmst du Nachhilfe, wenn du keine Nachhilfe brauchst?«, fragte ich.
    »Weil ich ein Dichter werden will.«
    »Ein Dichter?«
    »Ihr habt richtig gehört. Vergil, Horaz und Ovid sind meine Vorbilder. Ich möchte Verse in Latein schreiben, und ich glaube, ich kann das nur, wenn ich lateinisch träume.«
    »Wenn du lateinisch träumst? Wie meinst du das?« Eobanus gab mir Rätsel auf.
    »Ich weiß nicht, wie es Euch ergeht, Herr Magister. Welche Sprache sprecht Ihr in Euren Träumen? Deutsch oder Latein?«
    Die Frage hatte ich mir nie zuvor gestellt. »Nun, ich glaube, mal so, mal so. Genau kann ich es nicht sagen.«
    »Dann seid Ihr weiter als ich, Herr Magister. Wenn ich in meinen Träumen spreche, dann meist deutsch. Ich glaube, erst wenn es Latein ist, wird mir die Sprache so in Fleisch und Blut übergegangen sein, dass ich in der Lage bin, lateinische Verse von der Güte eines Vergils zu schmieden. Und solange das nicht der Fall ist, muss ich weiter Nachhilfe in Anspruch

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