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Der Medicus von Heidelberg

Der Medicus von Heidelberg

Titel: Der Medicus von Heidelberg Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Wolf Serno
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hatte, während ich bereits ein Magister war. Er hatte ein grobgeschnittenes, offenes Gesicht, in dem stets etwas Nachdenkliches stand, und eine untersetzte Statur. Obwohl er mir nur bis zum Ohr reichte, hatte ich das Gefühl, er wäre genauso groß wie ich. Doch vielleicht lag das daran, dass er etwas älter war. Er hieß Martin Luther.
    Luther legte sein Bündel neben meines auf Roswithas Arbeitstisch und sagte: »Jetzt ahne ich, wo meine Kleider geblieben sind.«
    »Ich auch«, sagte ich.
    Wir schauten uns an und mussten lachen.
    Schnapp bellte freudig.
    »Ich heiße Lukas«, hob ich zu einer Erklärung an. »Lukas und Luther …«
    Er streckte die Hand aus. »Ich heiße Martin.«
    Ich schlug mit der Linken ein. Eigentlich hätte ich es sein müssen, der ihm das Du anbot, aber da er älter war und überdies schon weitaus länger in der Burse wohnte, fand ich sein Verhalten keineswegs fehl am Platze. Im Gegenteil, ich freute mich, denn Luther mit seiner freundlichen, ausgeglichenen Art war mir schon öfter angenehm aufgefallen.
    Wieder bellte Schnapp freudig. Sein Schwanz schlug lebhaft auf den Boden. Ich sagte: »Ruhig, mein Großer, mach nicht so viel Lärm.«
    Luther streichelte ihm den Rücken und sagte: »Ich glaube, ich weiß, warum er bellt. Er und ich sind schon gute Freunde, nicht wahr, Schnapp?«
    »Wie das?«, fragte ich.
    »Weil Schnapp und ich heute Morgen unterwegs waren.« Luther lächelte flüchtig. »Ich kam an deiner Kammer vorbei und hörte, wie er mit den Pfoten an der Tür kratzte. Ich dachte, vielleicht muss er sein Geschäft machen. Also klopfte ich, doch niemand öffnete. Ich drückte die Klinke nieder und wäre fast von ihm umgerannt worden. Er ist wirklich ein Riese.«
    »Das ist er«, bestätigte ich nicht ohne Stolz. »Und was geschah dann?«
    »Dann bin ich mit ihm hinunter, und wir sind eine Runde gegangen. Übrigens, Faustus Jungius – du weißt schon, der Römer – und Barward Tafelmaker, der Mathematicus, waren auch dabei.«
    Wie um das zu bestätigen, bellte Schnapp.
    Luthers Gesicht wurde ernst. »Ich hoffe, es ist dir recht, dass wir mit ihm ein Stück gegangen sind?«
    »Aber sicher. Ich bin euch sogar dankbar. Manchmal muss ich mir die Zeit förmlich stehlen, um ihn auszuführen. Wenn ihr wollt, könnt ihr das öfter machen. Nur fragt mich in Zukunft vorher.«
    Da Schnapp erneut bellte und Roswitha zum wiederholten Mal unmutig blickte, nahm ich an, es wäre Zeit, zu gehen, und sagte: »Nimm du mein Bündel, ich nehme deins. Dann müsste alles wieder seine Richtigkeit haben.«
    Luther schmunzelte. »Und alles, was mein ist, das ist dein, und was dein ist, das ist mein … so steht’s schon in der Schrift. Johannes siebzehn, Vers zehn. Komm, der Weg, den wir haben, dürfte der gleiche sein.«
    Als wir vor meiner Kammertür standen, fragte Luther, ob ich noch etwas Zeit hätte. Tilman von Prüm feiere Geburtstag, aus diesem Anlass gebe es einen vollen Becher in seiner Kammer.
    »Es scheint, unsere Georgenburse macht ihrem Beinamen ›Biertasche‹ alle Ehre«, sagte ich halb im Scherz.
    »Ja und nein.« Luther kratzte sich an der kräftigen Nase. »Nach außen hin herrschen strenge Regeln, das stimmt, doch auf den Kammern können wir weitgehend machen, was wir wollen. Jedenfalls bis neun Uhr am Abend. Mit Gemitus, dem Vorsteher, haben wir einen Pakt geschlossen. Wir geben dem alten Sauertopf jeden Monat eine Kleinigkeit, damit er wegsieht. Was ist nun, hast du Lust auf einen Becher?«
    »Lust schon, aber keine Zeit.« Ich zuckte bedauernd mit den Schultern. »Ich habe eine Verabredung mit Trotula.«
    »Trotula? Ist das eine Dame?«
    »Ganz recht.« Ich grinste. »Sie lebte vor ein paar hundert Jahren und hat außergewöhnliche medizinische Werke verfasst. Ihnen muss ich mich widmen.«
    »Dann bist du entschuldigt.« Luther klang etwas enttäuscht, aber er verabschiedete sich rasch und ging mit hallenden Schritten den Gang hinunter zu von Prüms Behausung.
    Ich betrat mein kleines Reich, räumte die Wäsche fort und setzte mich an den Tisch. Tinte, Feder, Papier und Löschsand befanden sich darauf sowie ein Buch von beeindruckender Stärke. Sein Titel war
De Passionibus Mulierum Curandorum.
Ich hatte »Über die Heilung der Frauenkrankheiten« zu meiner ersten Lektüre gewählt, weil das Werk jenes Gebiet behandelt, das mich in der Medizin von jeher am meisten interessiert. Da die Ärztin Trotula aus Salerno es verfasst haben soll, wird es auch
Trotula major
genannt. Es ist

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