Der Medicus von Heidelberg
ein Kompendium über die Geburtshilfe, die Gynäkologie und die Kunst der chirurgischen Eingriffe, über die Arbeit der Hebamme sowie die Geschlechtskrankheiten und deren Merkmale.
Darüber hinaus hoffte ich, darin ein Kapitel über den Steinschnitt zu finden, denn ich wollte das, was Professor de Berka in seiner ersten Vorlesung behandelt hatte, noch weiter vertiefen.
Dass ich das Werk
Trotula major
hatte ausleihen dürfen, verdankte ich meinem Status als Magister sowie dem Wohlwollen meines Medizinprofessors. Einer seiner Vorfahren, der berühmte Amplonius Rating de Berka, hatte die nach ihm benannte Bibliothek, die Bibliotheca Amploniana, eingerichtet. Sie bestand zum großen Teil aus medizinischen Texten, was mir sehr entgegenkam.
Ich beabsichtigte, mein Privileg ausgiebig zu nutzen und so viele Werke wie möglich auszuleihen, denn normale Studenten durften die kostbaren Exemplare nicht mit in ihre Kammer nehmen. Ich las den ganzen Nachmittag, tauchte ein in Trotulas Welten und Gedanken, machte mir Notizen, las erneut und machte mir wieder Notizen. Am Abend rief ich Schnapp, ging mit ihm entlang der Gera spazieren und aß danach mit den anderen Bursariern im Remter.
Kaum hatte ich meine Kammer wieder betreten, las ich weiter. Ich las und las, mit heißem Herzen und glühendem Kopf, bis mir gegen Mitternacht die Augen zufielen.
Am Donnerstag hatte schon wieder jemand Geburtstag. Es war Faustus Jungius. Und natürlich lud der Römer ebenfalls auf einen Umtrunk in seine Kammer. Ich hätte mich auch an diesem Abend gern mit Trotula beschäftigt, doch ich konnte nicht immer nein sagen, und deshalb folgte ich mit Schnapp der Einladung.
Der Römer besaß einen Raum, der mehr als doppelt so groß war wie meiner, mit einem mächtigen Eichentisch in der Mitte, zwei langen Bänken und vier stabilen Stühlen. Neben dem Bett stand sogar eine Anrichte, ein klobiges, hölzernes Stück, aus dem er seine alkoholischen Schätze hervorholte. Es waren ein Fässchen Malvasier und ein Steinkrug mit Schnaps. Beides landete ohne weitere Umstände auf dem Tisch. Grobe Glasbecher kamen zur Verteilung, die je nach Wunsch gefüllt wurden. Als jeder sein Getränk hatte, hob der Römer Ruhe gebietend die Hand. »Brüder!«, rief er. »Wir haben heute das Vergnügen, den berühmten Magister der Künste, den weitgereisten Mann aus dem Land der Eidgenossen, den ehrenwerten Lukas Nufer unter uns begrüßen zu dürfen!«
»Quae honor, quae honor!«,
riefen alle und verbeugten sich in übertriebener Höflichkeit vor mir.
»Die Ehre ist ganz auf meiner Seite«, antwortete ich etwas steif.
»Und seinen Hund, den wollen wir auch nicht vergessen!« Sie verbeugten sich genauso vor Schnapp, der nichts verstand und den Kopf schief legte.
»Na dann: prosit!«
»Prosit!«, erklang es von allen Seiten.
»Vivat Romanus, vivat Romanus, gratulatio!«
Der Umstand, dass die Bursarier den Römer hochleben ließen und ihm gratulierten, erinnerte mich daran, dass ich kein Geschenk für ihn hatte. Ich stand auf und ging zu ihm hinüber. Er unterhielt sich gerade angeregt mit Luther. »Tut mir leid, Römer«, sagte ich, »ich habe kein Präsent, aber die Einladung kam etwas plötzlich …«
»Das macht nichts!« Der Römer lachte. »Doch wenn es dich allzu sehr wurmt, kannst du mir bei ein paar schwierigen Textstellen helfen. Kämpfe gerade mit den zwölf Gesetzestafeln des Römischen Rechts,
Lex duodecim tabularum!
Uraltes Latein, bald zweitausend Jahre alt, grauenhaft!«
»Ich fürchte, das ist nicht gerade meine Stärke.«
Der Römer winkte großzügig ab. »Dann haben wir wenigstens was gemeinsam. Und der gute Martin muss wieder ran, der will ja wie ich Paragraphenreiter werden. Kenne keinen, der einen so großen Sack lateinischer Vokabeln mit sich herumschleppt wie er.«
»Halb so schlimm«, wehrte Luther ab.
»Was gesagt werden muss, muss gesagt werden. Prosit!«
»Prosit!« Alle tranken und redeten durcheinander.
»Silencium!«
Die Stimme des Römers übertönte spielend das Sprachgewirr. »Ein Lied, Freunde, lasst uns zur Feier des Tages singen.« Und er stimmte kräftig an:
»Es ging ein Pater längs der Kant,
griff Nönnelein ans Strumpfeband,
wohl halb so im Scherz.
Es war im März, März, März …«
Begeistert fielen die anderen Bursarier ein. Alle schienen das Lied zu kennen, und auch ich glaubte, mich an die Strophe zu erinnern. Thérèse hatte sie einmal gesungen. Auf Gertruds Wagen, hoch auf dem Bock neben mir. Großer
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