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Der Medicus von Heidelberg

Der Medicus von Heidelberg

Titel: Der Medicus von Heidelberg Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Wolf Serno
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Gott, wie lange lag das zurück? Ehe ich genauer darüber nachdenken konnte, ging der Gesang schon weiter:
    »Es stand ein Pater an der Kant,
    nahm Nönnelein unters Gewand
    und war dabei so still.
    Es war im April, April, April …
     
    Es lag ein Pater längs der Kant,
    trieb Nönnelein wohl in die Schand
    und rief dabei: ›Hei!‹
    Es war im Mai, Mai, Mai …«
    Der Römer rief augenzwinkernd: »Halt, Brüder! Bevor die Monate unseres Liedleins noch schlüpfriger werden, erst einmal prosit!«
    Schon wieder tranken alle.
    »Martin, hol doch mal deine Laute, dann singt sich’s gleich noch mal so schön.«
    Luther verließ den Raum, während die Unterhaltung mit unverminderter Lautstärke anhielt. Tilman von Prüm begann, Ovid zu rezitieren, jenen römischen Dichter, der sich selbst als
tenerorum lusor amorum,
als »neckischen Sänger zärtlicher Liebe« bezeichnet hatte. Vielleicht wollte von Prüm die anstößigen Verse über den Pater mit seinem Nönnelein übertreffen.
»Quis sapiens blandis non misceat oscula verbis …«,
deklamierte er aus der
Ars amatoria,
wurde aber allseits zum Schweigen gebracht. Von Ovid hielt man nicht viel. Er hatte die Bursarier in den Repetierstunden zu oft gequält.
    Luther erschien wieder, in der Hand seine Laute. Es war keine normale Gitarre, sondern ein kostbares, keineswegs leicht zu beherrschendes Instrument, dessen Saiten mit Ausnahme der Melodiesaite doppelt bespannt waren. Wer gehofft hatte, er würde das Lied vom Pater und dem Nönnelein fortsetzen, sah sich indes getäuscht. Luther hatte nichts gegen eine deftige Wortwahl, denn er liebte es, dem Volk aufs Maul zu schauen, wie er selbst sagte, aber zotige Zeilen waren seine Sache nicht. Er stimmte umständlich seine Laute, schlug einen Akkord und begann, mit warmer, voller Stimme zu singen:
    »Nun schürz dich, Gretlein, schürz dich,
    wohl auf mit mir davon,
    das Korn ist abgeschnitten,
    der Wein ist eingetan.
     
    Ach, Hänslein, liebes Hänslein,
    so lass mich bei dir sein,
    die Wochen auf dem Felde,
    den Feiertag beim Wein …«
    Einige sangen mit, andere, die den Text nicht kannten, summten vor sich hin oder widmeten sich ihrem Getränk. Nach einiger Zeit wurde es lebhafter im Raum, Wortfetzen schwirrten hin und her. Witze wurde gerissen. Gelächter machte sich breit. Wein und Schnaps taten ihre Wirkung.
    Barward Tafelmaker gesellte sich zu mir und fragte, während er geräuschvoll einen großen Schluck trank, ob ich schon einmal über die Bedeutung des Nichts nachgedacht hätte. Er wartete meine Antwort nicht ab, sondern gab sie selbst: »Wahlweise ist das Nichts ein Loch oder eine Ziffer.«
    »Was du nicht sagst.« Mir war nicht nach gelehrten Gesprächen zumute.
    Tafelmaker unterdrückte einen Schluckauf. »Das hättest du nicht gedacht, was? Ein Loch oder eine Ziffer – je nachdem, was man dem Nichts hinzufügt. Mit Materie umgeben, wird das Nichts zum Loch, mit einer beigeordneten Ziffer zur Zahl. Dann nennt man das Nichts … na, rate mal.«
    »Ich weiß es nicht.«
    »Null!« Tafelmaker wollte weitersprechen, bekam jedoch jählings einen Stoß in den Rücken. Der Verursacher war Tilman von Prüm, der Ovid-Rezitator. Er hatte am vergangenen Abend seinen Geburtstag feuchtfröhlich gefeiert und glaubte, dabei einen Schreittanz erlernt zu haben. Stolzierend wie ein Storch im Sumpf, hatte er sein frisch erworbenes Können demonstrieren wollen und war dabei gestolpert.
    Tafelmakers wortreiche Beschwerde wurde von niemandem beachtet. Ebenso wenig wie die Rede von Hiob Rotenhan. Der angehende Geistliche hockte in einer Ecke, stierte die Zechenden mit traurigem Blick an und lallte vor sich hin: »Oh, welch Armageddon vor meinen armen Augen! Oh, du eschatologischer Entscheidungskampf, du …«
    »Oh, Mutter, liebe Mutter,
    du sehnst dich so nach mir …«
    Eobanus Koch, der Junge, der sich zum lateinischen Dichter berufen fühlte, steckte seinen Kopf durch die Tür. Was er als einfacher Studiosus unter lauter Baccalarii wollte, wusste keiner zu sagen. Vielleicht wusste er es selbst nicht. Doch beim Anblick des Bildes, das sich ihm bot, zog er den Kopf erschreckt zurück.
    »Hoho, wie eine Schildkröte!«, rief jemand mit schwerer Zunge. »Habt ihr das gesehen? Wie eine Schild…«
    Wieder erschien der Kopf, doch diesmal gehörte er nicht Eobanus, sondern Gemitus. Der Vorsteher wurde johlend begrüßt, seine Bitte um Ruhe jedoch überhört. Ein paar Münzen, schnell gesammelt, stellten ihn taub.
    »Ach, Vater,

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