Der Medicus von Heidelberg
lieber Vater,
so misse mich doch nicht …«
Barward Tafelmaker schrie mir ins Ohr: »Null plus null ist null, Bruder! Null minus null ist null, null mal null … Mit dem Nichts verhält es sich, hicks, ebenso, ja, ebenso. Das ist, hicks, Mathematik …«
Tilman von Prüm war auf den Boden niedergesunken und sinnierte ebenfalls über die Null, die ein Nichts sei und dennoch dazu beigetragen habe, dass er seit gestern nicht zwei, sondern zwanzig Jahre zähle.
Hiob Rotenhan weinte. »Armageddon!«, schluchzte er, während der Römer ihm leicht schwankend die Hand auf die Schulter legte, um ihn zu trösten. »Armageddon, Chaos, Wirrwarr, Tumult, Tohuwabohu …«
»Was soll das?«, fragte der Römer.
»Ich … suche nach Sy… nach Synonymen!«
»Und? Hast du sie gefunden?«
»Wie, was?«
»Schon gut, suche nur weiter.«
»Ach, Tante, liebe Tante,
vergieß die Tränen nicht …«
Ich schaute mir das Treiben noch eine Weile an und bewunderte insgeheim Luther, der unbeirrt weitersang, gerade so, als könne er damit die Wogen um sich herum glätten. Entweder hatte das Lied unzählige Strophen, oder er ersann aus dem Stegreif immer neue. Ich winkte ihm ein Adieu zu und sagte zu Schnapp: »Komm, mein Großer. Wir gehen auf unsere Kammer. Schlafen werden wir kaum können, aber wir haben ja unsere Trotula.«
Schnapp streckte sich gähnend und folgte mir auf dem Fuße. Doch als ich vor meiner Kammertür stand, überlegte ich es mir anders. Nach all dem Lärm im Raum des Römers verspürte ich den Wunsch nach Ruhe und frischer Luft. Außerdem dachte ich, es wäre gut, wenn Schnapp noch einmal sein Bein heben könnte.
Wir gingen hinunter auf den Hof, strebten dem großen Einlasstor entgegen und hatten unverhofft eine unliebsame Begegnung. Engelhuss stand im Torbogen und unterhielt sich mit dem Wächter.
»Guten Abend«, sagte ich und wollte weitergehen, doch Engelhuss’ Worte hielten mich auf. »Es herrscht ein Krach im ersten Stock, als würden die Mauern von Jericho einstürzen«, sagte er vorwurfsvoll.
Ich schwieg und wollte weiter, doch Engelhuss war noch nicht fertig. »Wart Ihr bei Jungius’ Geburtstagsfeier? Gemitus hat es mir gesagt.«
Notgedrungen blieb ich stehen. »Warum fragt Ihr, wenn Ihr es schon wisst?«
»Dass Ihr als Magister Euch mit den Baccalarii verbrüdert, ist höchst verwerflich!«
Es sind nette Burschen, und sie sind in meinem Alter, wollte ich antworten, doch ich sah nicht ein, warum ich mich rechtfertigen sollte. Stattdessen sagte ich: »Schön, dass Ihr wieder ganz gesund zu sein scheint. Ich habe morgen Nachmittag eine Nachhilfestunde in Latein zu geben. Wenn Ihr mich da vertreten würdet, wären wir quitt.«
Er ging auf meine Worte ebenso wenig ein wie ich zuvor auf seine und spann sein Giftnetz weiter: »Ihr gebt es also zu, Ihr wart dabei!«
»Und wenn schon. Wer arbeitet, muss auch feiern. Wir sind hier nicht im Kloster.« Ich war nicht unbedingt der Meinung, dass die Baccalarii sich vorbildlich verhielten, aber sie waren Kommilitonen und hatten es verdient, auch einmal über die Stränge zu schlagen. Deshalb ergriff ich für sie Partei.
»Das wird ein Nachspiel haben!«
Engelhuss’ drohender Unterton ließ auf Schnapps Rücken eine Bürste entstehen. Ich packte ihn vorsichtshalber am Halsband und ging mit ihm ein paar Schritte weiter. Auch, weil der Torwächter nicht unbedingt den Streit zwischen zwei Magistern mit anhören musste. »Na, und? Was meint Ihr mit ›Nachspiel‹?«, fragte ich Engelhuss. »Wollt Ihr jetzt ›Wolf!‹ rufen und mich beim Regenten anschwärzen?«
»Unerhört, das muss ich mir nicht bieten lassen!«
»Lasst mich einfach in Ruhe, das wird für uns beide das Beste sein.« Ich ließ Engelhuss stehen und ging mit Schnapp die Augustinerstraße hinunter zur Lehmannsbrücke. Im Schein der wenigen Lichter floss die Gera träge wie Öl dahin. Ihr Anblick hatte etwas Beruhigendes. Friede kehrte ein in mein Herz. Der Zank mit Engelhuss erschien mir auf einmal kleinlich und lächerlich.
Auf dem Rückweg machten Schnapp und ich noch einen Abstecher. Wir wandten uns nach rechts in die Comthurgasse, deren Häuser laut Dekret niedriger sein mussten als die Mauer des angrenzenden Augustinerklosters. Die Mönche, so hieß es, schätzten es nicht, wenn normale Bürger sie bei ihren täglichen Verrichtungen beobachten konnten. Kopfschüttelnd ging ich weiter. Der alte Prälat Bindschedler hatte einmal gesagt, der Platz eines Gottesmannes sei immer an der
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