Der Name der Finsternis: Roman (German Edition)
rasch ausbreiten, um
diese verdorbene Welt zu heilen,“ verkündete er.
Zugleich mit dem Namen für Verlag und Organisation ließ Jason uns wissen, dass
Welten der Wahrheit
nun endgültig druckreif sei. Ich hatte ihm das
Manuskript mit der Bitte zurückgegeben, es zu überarbeiten, zu glätten, von den gröbsten Widersprüchen zu befreien. Ein professionelles Lektorat, das ich
vorgeschlagen hatte, hatte er mit der Bemerkung abgelehnt, ein Uneingeweihter würde den heiligen Text entstellen und ihn seiner göttlich inspirierten
Schwingung berauben.
Da Edith, der ich immer wieder von Jason erzählt hatte, das Objekt unseres Experiments persönlich kennenlernen wollte, lud ich Jason zur Übergabe des
Manuskripts und zu einer Nachfeier der Gründung der Liga in unser Haus ein. Ted sollte Jason abholen und zu uns mitnehmen. Einige Stunden vorher rief er
mich im Verlag an.
„Du musst geduldig sein heute Abend,“ lachte er, „Howard hat einige Überraschungen für uns. Zum einen lässt er fragen, ob er seine Verlobte mitbringen
darf.“
„Seine Verlobte? Er hat eine Verlobte? Du meinst, er ist ein Mensch aus Fleisch und Blut, der isst und trinkt und so weiter...“
„Dass er isst und trinkt, hast du neulich im Restaurant gesehen, dass er Erfolg bei Frauen hat, wird er dir heute Abend beweisen. Es ist die
Bibliotheksangestellte, die zweimal die Woche die Formulare für den Bücherberg ausfüllt, den er sich ausleiht und die die Aufkleber wieder aus den Büchern
kratzen muss, die Howard hineinklebt. Er hat ihr vermutlich einfach auf seine unwiderstehliche Art einen Antrag gemacht – die uralten Adepten haben
bestimmt, dass du künftig meine Freundin bist – oder so ähnlich. Außerdem ist auch sie seit Kurzem Schülerin von Nazir Ji.“
„Kennst du sie?“
„Ich weiß nur, dass sie Jane heißt. Howard war gestern bei mir in der Redaktion, um einen Artikel abzuliefern und hat mich beauftragt, dich zu bitten, dass
er Jane mitbringen darf. Er hat neulich vergessen, dich selbst zu fragen.“
„Soll er sie nur mitbringen. Das macht den Abend nur interessanter. Aber warum soll ich geduldig sein?“
„Oh, es gibt Überraschungen. Jason will uns wieder einmal etwas Bedeutsames mitteilen, wie er sagt. Nazir Ji hat geantwortet. Er ist ganz und gar nicht
begeistert von Howards Manuskript. Howard hat das natürlich völlig anderes formuliert, aber ich weiß mehr; ich habe ihm nämlich einen kleinen Streich
gespielt.“
„Einen Streich?“
„Es bleibt unter uns. Du weißt von nichts, wenn er heute Abend davon anfangen sollte. Versprochen?“
„Versprochen! Welchen Streich?“
„Er hat versehentlich den Brief von Nazir Ji in der Mappe mit seinem Artikel gelassen. Fünf Minuten später stand er wieder in meinem Büro und hat mich
gebeten, ihm die Mappe nochmals zu geben, er müsse noch etwas an seinem Artikel ändern. Ich habe ihn noch nie so aufgeregt gesehen. Die Mappe lag
geschlossen an genau dem Platz auf meinem Schreibtisch, wo er sie abgelegt hatte. Ich telefonierte gerade und deutete nur darauf. Er nahm sie, ging hinaus
ins Vorzimmer und brachte sie ein paar Minuten später wieder. ‚Ich habe nur noch einen Satz eingefügt‘, sagte er und ging, um einiges beruhigter, nachdem
er festgestellt hatte, dass die Mappe noch ungeöffnet und der Brief noch drinnen war. Als ich die Mappe öffnete, war der Brief natürlich weg.“
„Und? Woher weißt du dann überhaupt etwas von einem Brief?“
„Ich hatte die Mappe natürlich vorher schon geöffnet, den Brief überflogen und ihn aus einem Instinkt heraus fotokopiert...“
„Du fotokopierst fremde Post?“
„Für das Geheimarchiv der Liga“, scherzte Ted. „Außerdem werde ich als Journalist dafür bezahlt, neugierig zu sein.“
„Was steht in dem Brief?“
„Alles zu seiner Zeit. Hör dir erst einmal Howards Version des Bedeutsamen an.“
Ted liebte es, mich auf diese Weise auf die Folter zu spannen. Es war nicht mehr aus ihm herauszuholen.
Ted kam mit Jason und Jane auf die Minute pünktlich bei uns an. Jane, auf die ich besonders neugierig gewesen war, entpuppte sich als hübsche junge Frau
mit zurückhaltendem Wesen, aber, wie ich später feststellte, einem hinter der Fassade biederer Bescheidenheit glühenden, unstillbaren Ehrgeiz. Ihr Einfluss
auf Howard hatte sich schon bemerkbar gemacht. Er trug einen neuen, besser sitzenden Anzug und schien überhaupt etwas milder und geglätteter als bei
unseren früheren Begegnungen.
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