Der Name der Finsternis: Roman (German Edition)
Er legte sogar Ansätze von Charme an den Tag, als er Edith begrüßte und zeigte sich den ganzen Abend in ungewöhnlich
aufgeräumter Stimmung.
Edith war eine vollendete Gastgeberin. Sie hatte vorzüglich gekocht und sorgte dafür, dass die Unterhaltung nie einschlief. Sie verstand sich auf Anhieb
blendend mit Jane. Jason fragte Edith über Deutschland aus und bemerkte, dass er bei seinen zahlreichen Reisen nach Europa auch in Deutschland gewesen war,
sich aber an Einzelheiten nicht erinnern könne, außer dass es dort überaus sauber gewesen sei. Ich blickte Ted fragend an, denn vor einigen Tagen hatte
mein Freund berichtet, dass Jason außer im Krieg nie die Vereinigten Staaten verlassen hatte. Ted zuckte die Schultern. Edith, die vorher bemerkt hatte,
sie sei äußerst gespannt, einmal einem Scharlatan persönlich zu begegnen, hing fasziniert an seinen Lippen. Ich konnte sehen, wie ihre Vorurteile gegen
Howard abbröckelten, wie ihre Absicht, ihn im Gespräch auf sanfte Art aufs Glatteis zu führen, in Bewunderung umschlug. Ich beobachtete sie mit losgelöstem
Interesse, denn ähnlich war es mir in dem thailändischen Restaurant in Palo Alto ergangen. Das Gespräch drehte sich um belanglose Dinge. Es war allein
Jasons Ausstrahlung, die magisch auf meine Frau wirkte. Ich las auf ihrem Gesicht die gleichen Zweifel, die auch ich empfunden hatte. Manchmal machte sie
eine schnippische Bemerkung, geradeso als wolle sie sich beweisen, dass sie sich selbst mühelos im Griff hatte, unmittelbar danach aber versank sie umso
tiefer in der Faszination, die von Jason ausströmte.
Nach dem Dessert überreichte mir Howard das überarbeitete Manuskript. Er holte es aus der gleichen abgewetzten Aktentasche und sagte: „Nun ist es endgültig
reif für den Druck.“
Ich blätterte es flüchtig durch und bemerkte die Korrekturen, die Howard handschriftlich angebracht hatte. Neben einigen geringfügigen Umstellungen und
Einfügungen fiel mir eine Korrektur, die sich durch das ganze Buch zog, auf den ersten Blick auf. Der Name Nazir Ji war durchgestrichen und durch einen
anderen Namen, den ich nie zuvor gehört hatte, ersetzt. Avatar Yortam stand da, anfangs in akribisch hingemalten Druckbuchstaben, auf den folgenden Seiten
dann als Kürzel.
Erstaunt fragte ich: „Sie haben Nazir Ji gestrichen und durch einen anderen Namen ersetzt?“
Jason sah mich mit stechendem Blick an. Eine Weile schwieg er, bevor er mit veränderter, knurrend leiser Stimme zu reden begann. Nichts mehr von der
unbeschwerten, fast heiteren Laune von vorhin war geblieben.
„Die Zeit ist gekommen, um Zusammenhänge zu offenbaren, über die ich bisher nicht sprechen durfte. Es sind entscheidende Dinge geschehen, Dinge, welche die
Welt verändern werden. Die uralten Adepten, deren Linie zurückreicht bis zum Anbeginn der Zeit, haben mich als lebenden Meister, als Mahaguru, bestätigt
und an die Spitze ihrer Linie gesetzt. Die Zeremonie der Machtübergabe fand bereits am 10. April statt, dem heiligen Tag der Uralten, dem Beginn eines
neuen spirituellen Jahres. Von diesem Tag an wird die Zeitrechnung der Liga in unserer modernen Welt gezählt werden. Alle Uralten waren in ihren
Lichtkörpern anwesend. Auch ich befand mich in meinem Lichtkörper an dem geheimen Ort. Seit undenklichen Zeiten findet diese heilige Zeremonie in einer
Pyramide tief unter der Erde eines verborgenen Kraftortes statt, die kein gewöhnlicher Sterblicher je betreten darf. Avatar Yortam, der Linienhalter der
Uralten, hat mir das Szepter des Mahaguru überreicht. Bis heute war mir von den Uralten das Gesetz des Schweigens auferlegt. Nun aber, da die Liga
gegründet ist als Werkzeug der Uralten, darf ich sprechen. Viele Jahre lang wurde ich im geheimen auf meine Aufgabe vorbereitet. Avatar Yortam selbst hat
mich zu seinem persönlichen Schüler erkoren und mir keine Härte erspart. Ich musste schweigen, viele Jahre schweigen, mich tarnen und schweigen. Nun aber
ist die Zeit reif, an die Öffentlichkeit zu treten. Wir sind heute versammelt, um die formale Gründung der Liga und die endgültige Fassung meines ersten
Buches zu feiern. Es geschieht nicht ohne Grund, dass gerade die Personen, die heute hier sitzen, in der Liga zusammengefunden haben. Uralte Bande des
Karma verflechten uns seit undenkbaren Zeiten und die Adepten haben die richtigen Menschen zur rechten Zeit an den richtigen Platz gestellt, um die heilige
Aufgabe zu beginnen, der Welt die Lehre der Liga zu
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