Der Name der Finsternis: Roman (German Edition)
hätte den Text gelobt und in der Akademiezeitung gedruckt, dieser aber wurde von den Ethik-Hütern
konfisziert. Sorgfältig steckte Aron die Blätter zurück in den Umschlag. Er bewahrte sie als letztes Andenken an Ben, das er mit niemandem teilen durfte,
da Crapp ihm das Gesetz des Schweigens auferlegt hatte. Bitterkeit erfüllte Aron, Zorn auf die Engstirnigkeit der Ethik-Hüter, die in ihrem Übereifer die
heitere Freiheit, um die es in der Lehre der Liga eigentlich ging, zunichtemachten. Doch was stand in den anderen Briefen Bens? Hatte er Andeutungen über
das Tonband gemacht? Wenn Aron die Augen schloss, glaubte er das maskenhafte, allwissende Lächeln Crapps zu sehen, die starren, wie in einem Krampf
aufeinandergepressten Lippen. Aron fühlte sich unwohl, seit er bei Crapp gewesen war. Er hatte nie ganz den Zweck ihrer Unterredung verstanden. Andere, die
wichtige Anliegen vorzubringen hatten, warteten oft vergebens auf eine Audienz beim Lirep, wurden an Stellvertreter und Repräsentanten der Unterbezirke
delegiert oder in einer kurzen, geschäftsmäßigen Sitzung rasch abgespeist. Es gab Atmas, die ein persönliches Treffen mit dem Lirep einer Begegnung mit dem
Mahaguru gleichsetzten. Die meisten bekamen den Lirep nur bei großen Veranstaltungen zu Gesicht, bei internationalen Seminaren, wenn Lireps verschiedener
Länder Vorträge und Arbeitskreise hielten oder bei lokalen Zusammenkünften, wenn der Lirep als Hauptredner auftrat. Crapp genoss besonders hohes Ansehen,
denn er war der erste Liga-Führer, der nach dem Attentat auf den Mahaguru zum Lirep ernannt worden war und zugleich zum Sprecher des Europäischen Rates. Er
galt als herausragender Repräsentant der neuen Linie der Liga, der konsequenten Spiritualisierung der Organisation. Aron hatte lange nachgedacht über sein
Gespräch mit Crapp, hatte versucht, sich an jedes Wort zu erinnern, jede Anspielung zu deuten und war zu dem Schluss gekommen, dass Crapp etwas über das
Tonband wissen musste. Warum sonst sollte sich der Lirep persönlich so viel Zeit für einen Akademiestudenten nehmen? Wahrscheinlich waren die EHs auf der
Suche nach der Kassette. Vielleicht hatte Ben sie in einem Brief erwähnt, aber man hatte sie nicht in seinem Gepäck gefunden. Doch auch wenn Ben vorsichtig
genug gewesen war, nichts über das Tonband zu schreiben, war Aron unentschuldbar in die Sache verwickelt. Er hatte verschwiegen, dass er das Band besaß,
hatte verheimlicht, dass die Worte der beiden Sprecher längst in seinem Kopf kreisten und seine Gedanken beschäftigen, die sich eigentlich mit der
Abschlussarbeit für die Akademie befassen sollten, mit dem Studium der Werke der Mahagurus, mit seiner Zukunft in der Liga. Er hatte Crapp belogen. Aron
hatte daran gedacht, die Kassette zu zerstören, sie zu löschen, zu zerschneiden, heimlich fortzuwerfen. Aber er hatte es nicht über sich gebracht, die
Botschaft zu vernichten, die Ben irgendwo auf seiner Reise bekommen und die Aron nur durch Zufall am alten Platz im Park gefunden hatte. Aron hatte sie
unter seine übrigen Kassetten eingereiht, die er in einer Schuhschachtel im Schrank aufbewahrte, hatte Bens Zeichen auf dem Papier der Hülle unkenntlich
gemacht, hatte Bücher und Papiere auf die Schachtel getürmt. Es war äußerlich eine gängige Kassette mit Liga-Musik, die niemandem auffallen würde. Doch
wenn die EHs einer Fährte folgten, suchten und prüften sie genau. Ein mulmiges, kribbelndes Gefühl rührte sich in Arons Bauch, wenn er an das Band dachte.
Immer wieder drehten sich seine Gedanken im gleichen Kreislauf – von der Gewissheit, dass niemand etwas von seinem Fund wissen konnte, bis zur Angst, dass
die EHs längst sein Zimmer durchsucht hatten und Crapp ihm nach seiner Rückkehr von der Missionsreise triumphierend die Kassette präsentieren würde.
Aron steckte den Umschlag mit Bens Text weg und ging daran, seine Papiere für die morgendliche Besprechung zu ordnen. Das Bali, das Ben beschrieben hatte,
war bislang für Aron verschlossen geblieben. Er kannte nur die strenge Ordnung des Missionshauses, das abgeschieden außerhalb des Küstendorfes Sanur lag
und das die Mitarbeiter der Mission nur für gezielte Aufträge verließen oder in Begleitung anderer Atmas, um in ihrer knappen Freizeit Essen oder Einkaufen
zu gehen. Die Liga hatte das aufgegebene kleine Bungalowhotel von einem balinesischen Geschäftsmann gemietet, der Atma geworden war, um die sich dadurch
bietenden
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