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Der Name der Finsternis: Roman (German Edition)

Der Name der Finsternis: Roman (German Edition)

Titel: Der Name der Finsternis: Roman (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Franz Binder
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Geschäftskontakte zu nutzen. Aron hat ihn einmal gesehen – ein dicker, glatter Mann in westlicher Kleidung, der sich seinen einheimischen
    Mitarbeitern gegenüber benahm wie ein Feudalherr, den ausländischen Atmas aber eine falsche, unterwürfige Freundlichkeit zeigte, die Aron abstieß. Es war
    offensichtlich, dass er die Liga nur für seine Geschäftsverbindungen nach Europa und Amerika nutzte, doch sein Einfluss diente wiederum der Liga in ihrem
    Bemühen, auch in Indonesien Fuß zu fassen. Bali war einer der wenigen Liga-Stützpunkte in Südostasien. Ein riesiges geografisches Gebiet wurde von der
    Mission betreut. Trotzdem gab es für die Akademiestudenten, die ihre Missionspflicht in Bali ableisteten, nicht viel zu tun. Sie erledigten die einlaufende
    Post, verschickten Informationsmaterial an Interessenten, führten Statistiken, erstellten die ausführlichen Berichte an das Hauptquartier und arbeiteten
    die detaillierten Wochen- und Monatsplanungen für die Missionsarbeit auf den Inseln Indonesiens aus. Hin und wieder besuchten sie mit einheimischen Helfern
    die größeren Orte Balis und halfen beim Organisieren von Treffen, Vorträgen und Schulungen. Gegen Ende ihres Aufenthaltes begleiteten sie einen festen
    Mitarbeiter auf einer Missionsreise zu einer anderen Insel oder zur Zweigstelle in Jakarta, um Kontakt zu verstreuten Atmas zu halten, um Liga-Material und
    die üblichen Zuwendungen zu verteilen. Bisher hatte Aron Sanur nur zweimal verlassen. Vor einer Woche hatte ihn ein australischer Akademieabsolvent, der
    seine Missionszeit abschloss, nach Kuta mitgenommen, wo sich betrunkene Pauschaltouristen durch die Souvenirläden, Bars und Diskotheken schoben, belästigt
    von Horden aufdringlicher Straßenhändler. Sie hatten in einem billigen Restaurant gegessen, ein kleiner Kreis von Atmas aus aller Welt, die sich kaum
    kannten und doch durch ihren gemeinsamen Glauben zu einer Gemeinschaft verschworen waren, die wie selbstverständlich von der übrigen Welt abgeschieden
    schien. Nie zuvor hatte Aron diese Isolation von anderen Menschen so stark gespürt wie in dem von jungen Leuten überfüllten Restaurant. An diesem Abend
    fühlte Aron sich einsam, obwohl die Stimmung unter den Atmas wie immer gut und ausgelassen war, getragen von der „Fröhlichkeit des Hju“, in der zu treiben
    Aron stets glücklich gemacht hatte.
    Gary, der australische Akademieabsolvent, der kurz vor seiner Heimreise stand, hatte ausgesprochen, was alle fühlten: „All die anderen sind hier in Ferien
    und fühlen sich in der Fremde, nur wir sind in jedem Winkel der Welt zu Hause, überall dort eben, wo es andere Atmas gibt. Ist das nicht ein Stück der
    Weltkultur, von welcher der Mahaguru spricht?“
    Die anderen stimmten begeistert zu. Nur Aron mochte die Heiterkeit an diesem Abend nicht teilen, obwohl er sich danach sehnte, wieder unbeschwert Anschluss
    zu finden an diese naive Geborgenheit, an die Verbundenheit in dem Glauben, einer spirituellen Elite anzugehören, der Avantgarde der weltweiten
    Liga-Kultur. Er fühlte nur Enttäuschung, dass er das Bali nicht zu finden vermochte, das Ben in seinem Text beschrieb. Auch die Touristen in ihren
    Hotelgettos fanden es nicht. Ihnen wurde die magische Insel, von deren besonderer Atmosphäre sie in Büchern und Reiseprospekten gelesen hatten, in Form von
    Busausflügen zu abgegriffenen, austauschbaren Sehenswürdigkeiten und Folkloreabenden programmgemäß vor die Kameras geführt und sie gaben sich zufrieden
    damit. Sie berührten eine für sie blank polierte Oberfläche und hielten sie für Wirklichkeit. Aber auch die Akademieabsolventen, die sich länger auf Bali
    aufhielten, kannten die Insel kaum. In der Mission waren Ausflüge auf eigene Faust nicht gerne gesehen. Sie waren zwar nicht offiziell verboten, aber wer
    Zeit dazu fand, gab den anderen zu verstehen, dass er seine Pflichten nicht ernst genug nahm, dass die Liga nicht an erster Stelle in seinem Leben stand,
    denn auch in der dienstfreien Zeit gab es genug zu tun, zu lesen, zu besprechen, zu studieren. Aron kannte die unzähligen ungeschriebenen Gesetze, die das
    Leben eines ambitionierten Atma regelten und fügte sich reibungslos in den Alltag der Mission, so wie er sich in den Alltag der Akademie und des
    Liga-Zentrums in Deutschland gefügt hatte. Es fiel ihm leicht, denn all diese Regeln und Gebote hatten in seinen Augen ihren Ursprung in den spirituellen
    Weisheiten im
Buch der Erleuchtung
. Und doch schien

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