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Der Name der Finsternis: Roman (German Edition)

Der Name der Finsternis: Roman (German Edition)

Titel: Der Name der Finsternis: Roman (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Franz Binder
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sein. Wir hatten Erfolg mit dem Buch gehabt, hatten kräftig
    verdient, aber es würde wunderbar sein, wenn Howard Jason und mit ihm die Liga aus meinem Leben verschwand. Heiter und gelöst wie seit Langem nicht mehr
    lud ich Edith zum Essen in ein romantisches Restaurant in Half Moon Bay ein. Sie war verwundert über meine scheinbar grundlose strahlende Laune.
    „Kannst du hellsehen?“, fragte sie mit schelmischem Lächeln.
    „Warum?“
    „Ich bin schwanger!“
    Mein Glück kannte keine Grenzen mehr. Wir verbrachten einen herrlichen Abend, verliebt und unbeschwert wie in den ersten Wochen unserer Beziehung. Es
    sollte unser letztes Beisammensein in turtelnder Zweisamkeit sein.
    Ich lud Ted ein, die Sendung bei uns zu sehen. Wir kauten Popcorn und schauten schweigend den endlosen Werbeblock an, der dieser Show stets voranging. Ich
    hatte Kings Talkshow nur selten verfolgt. Ich mochte die Art dieses schleimigen Kerls nicht, sich in die Intimsphäre seiner Gäste zu drängeln und ihnen zur
    Befriedigung platter Neugierde seines Millionenpublikums Geheimnisse zu entlocken, für die sie sich später schämten oder die ihnen sogar schadeten. King
    pflegte seine intime Beute breitzuwalzen, auf peinliche Art zu hinterfragen, in absurden Kontext zu stellen und hässlich zu verdrehen. Er kannte keine
    Gnade mit seinen Gästen, nur jene, die ihm rhetorisch gewachsen waren, die auf seine Schlingen nicht hereinfielen, schnitten gut bei ihm ab. Seit einer
    seiner Gäste, ein berühmter, aber nicht sehr gewitzter Football-Trainer, ihn vor laufenden Kameras tätlich angegriffen hatte, ließ sich King von einem
    Leibwächter ins Studio geleiten. Er tänzelte mit falschem Grinsen zu seinem Stuhl, während die Erkennungsmusik plärrte, ein eitler Fatzke, der sadistische
    Freude daran fand, Menschen zu zerstören. Der Erfolg gab ihm recht. Seine Show hielt sich seit Jahren in unveränderter Form, ohne dass die glänzenden
    Einschaltquoten nachließen. Die Masse hatte hämisches Vergnügen an diesen Gladiatorenkämpfen auf dem Bildschirm.
    Schon in seiner Anmoderation wurde deutlich, worauf er hinauswollte – Jason sollte samt seinen
Welten der Wahrheit
der Lächerlichkeit preisgegeben
    werden.
    „Sie werden es überleben, Mister Jason, wir haben aus ihrem Haus sämtliche Stricke entfernen lassen,“ schloss er unter dem wiehernden Gelächter des
    Studiopublikums in Anspielung auf den Selbstmord des Evangelisten. Offenbar hatte King dieser Vorfall Genugtuung bereitet und seine Eitelkeit noch
    gesteigert. Er zwinkerte grinsend dem Publikum zu.
    Die Kamera schwenkte auf Jason. Er versank fast in seinem gewaltigen Ledersofa und hielt den Blick unverwandt auf King geheftet, der während seiner
    Einführung auf und ab gegangen war und nun auf Jason zukam. Howard trug einen neuen dunkelblauen Anzug, der auf merkwürdige Weise zu groß erschien.
    „Sie haben also Gott besucht? Haben Sie ihm schöne Grüße von mir ausgerichtet? Er schaut sich doch bestimmt auch die King-Show an, nicht wahr? Das beste im
    himmlischen Fernsehen. Sie hören es meine Damen und Herren, Sie sehen im Augenblick die gleiche Sendung wie der liebe Gott, zumindest der, den Mister Jason
    hier neben mir persönlich besucht hat, so ganz einfach, wie wenn man kurz bei seinem Nachbarn vorbeischaut und sich den Rasenmäher ausleiht,“ begann King,
    während er sich in seinem Sessel neben Howards Sofa niederließ. Die Leute lachten. „Hier, Mister Jason, bringen sie dem lieben Gott doch beim nächsten Mal
    ein Autogramm von mir mit. Da freut er sich bestimmt.“
    Unter dem Gejohle des Publikums signierte King eine Fotokarte. Jasons versteinert wirkendes Gesicht erschien in Nahaufnahme auf dem Bildschirm. Offenbar
    wollte man seine ersten Reaktionen auf die Sticheleien Kings in allen Details übermitteln. Seine Miene veränderte sich nicht. Es schien, als höre er den
    Moderator gar nicht. Er blickte starr in die Kamera. Plötzlich war der gleiche glühende, durchdringende Blick wieder präsent, der mich bei unserer ersten
    Begegnung im Restaurant getroffen und durchbohrt hatte. Als gäbe es keinen Fernsehbildschirm, als gäbe es keine räumliche Trennung von einigen Tausend
    Meilen – die Show wurde live aus New York gesendet –, schien Jason unmittelbar vor uns zu sitzen und uns anzuschauen. Ted und ich zuckten zusammen, Edith
    hingegen wurde wie hypnotisiert an den Bildschirm herangezogen und starrte mit angehaltenem Atem und verzerrtem Lächeln in dieses unbewegte

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