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Der Name der Finsternis: Roman (German Edition)

Der Name der Finsternis: Roman (German Edition)

Titel: Der Name der Finsternis: Roman (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Franz Binder
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vor meinem inneren Auge tauchte das Gesicht Jasons auf, wie es
    gestern auf dem Bildschirm erschienen war. Es verharrte einen Augenblick, bevor es sich zur Seite wandte und den Blick freigab auf die Brücke über dem
    Abgrund, die ich in meinem Traum gesehen hatte, die feuererfüllte Schlucht, das Land tiefster Finsternis auf der anderen Seite. Das Hju, das ich mit
    gebrochener Stimme sang, schwang sich ein in den heulenden Ton, der wie ein Sturmwind über den Abgrund raste und verband sich mit dieser unsichtbaren
    Macht. Durch das Hju wurde auch ich untrennbarer Teil von ihr. Erschrecken. Ein Stich der Angst. Im gleichen Moment holte uns ein hartes „Danke“ Jasons aus
    der Meditation zurück. „Ihr gehört jetzt zu den Eingeweihten der Liga,“ sagte er. „Ihr seid nun für immer mit der Urkraft der höchsten Adepten verbunden.“
    Jason und Jane übernachteten in unserem Haus und besprachen am anderen Morgen mit Ted und mir das Vorgehen für die nächsten Wochen und Monate.
    Wir mieteten südlich von San Francisco Büroräume, stellten drei Frauen an, deren Aufgabe es war, die nach der King Show hereinbrechende Postlawine zu
    bewältigen. Wir druckten Werbebroschüren, in denen die Lehre der Liga in knapper Form beschrieben war und legten ihnen Bestellzettel für Jasons
    Wahrheitsbriefe bei. Alles geschah in größter Hektik. Zugleich musste
Welten der Wahrheit
fortwährend nachgedruckt werden, denn die Nachfrage war
    kaum zu befriedigen. Ich stockte vorübergehend das Verlagspersonal auf, um den Ansturm zu schaffen. Nachdem Jason in der King-Show über Nacht berühmt
    geworden war, nachdem der Blick des Mahaguru, wie Ted in einem Artikel im
Star
schrieb, in alle Haushalte Amerikas geschaut hatte, gab es kein
    Halten mehr.
    Die kleine Gemeinde, die Jason zuvor bereits um sich geschart hatte, fühlte sich jetzt als Speerspitze und Elite einer gewaltigen Bewegung. Jason
    bestätigte sie in dieser Meinung. Er rief die sogenannten Liga-Pioniere, die er für künftige Führerschaftsrollen auswählte, Mitte April des gleichen Jahres
    in San Francisco zusammen. Etwa hundert Leute kamen, die meisten aus Kalifornien, aber auch aus anderen Teilen der USA und aus Kanada. Zwei reisten sogar
    aus Übersee an – William Defoe, ein Engländer, und Friedrich Wolff, ein Deutscher, den Jason sofort in Fred umtaufte, weil er seinen Namen nicht richtig
    aussprechen konnte. Sie wurden von Jason mit besonderer Aufmerksamkeit bedacht und den anderen als Vorboten einer weltweiten Verbreitung der Liga
    vorgestellt. William war ein reicher, etwas verschrobener älterer Herr, der sich als „Koryphäe der okkulten Wissenschaften“ präsentierte und berichtete,
    das bedeutendste Trancemedium Englands habe ihm bestätigt, dass Howard Jason, dessen
Welten der Wahrheit
er gelesen und in seinen Träumen
    nachempfunden habe, der Erlöser der Neuzeit sei, auferstandener Christus und wiedergeborener Buddha in einem. Fred hingegen war Physiker, der die
    Niederlassung einer amerikanischen Elektronikfirma in Deutschland leitete und oft zur Zentrale nach Kalifornien reiste. Als „Wahrheitssucher von Kindheit
an“, wie er sich selbst bezeichnete, verbrachte er die freien Abende bei esoterischen Vorträgen oder in einschlägigen Buchhandlungen. Er hatte
Welten der Wahrheit
gelesen, mit Jason korrespondiert, ihn schließlich kennengelernt und war ihm sofort verfallen, als habe er sein Leben lang nur
    auf diese Begegnung gewartet. Fred war etwa in meinem Alter, ein blonder, athletischer Typ, ein erfolgreicher Topmanager, der mit fanatischer Disziplin zu
    arbeiten vermochte und später beim Aufbau der Liga in Europa eine Schlüsselstellung einnahm.
    Bei diesem Treffen, das als erstes Liga-Seminar in die Geschichte der Organisation einging, lernten Ted und ich erstmals diese Pioniere kennen, die Jason
    teilweise schon seit Monaten folgten und die auf diesem Seminar ebenfalls die Einweihung in das Hju empfingen. Ich fühlte mich unwohl in diesem Kreis von
    Erwählten. Es waren Menschen aus allen Schichten, eine Handvoll Geschäftsleute, viele Witwen, die in Jason einen neuen Lebenssinn gefunden hatten und eine
    Reihe esoterischer Eiferer, die im Laufe der zweitägigen Versammlung die absonderlichsten Reden von sich gaben. Jason war ständig in unserem Kreis präsent,
    saß auf einem Rednerstuhl auf der kleinen Bühne und sprach ohne Pause. An diesem verregneten, kühlen Frühlingswochenende schwor er die Pioniere auf die
    Ziele der Liga ein.
    „Die

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