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Der Name der Finsternis: Roman (German Edition)

Der Name der Finsternis: Roman (German Edition)

Titel: Der Name der Finsternis: Roman (German Edition) Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Franz Binder
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Liga wird zur Weltreligion wachsen und alle anderen Religionen auf diesem Planeten ablösen. Sie wird eine neue, weltumspannende Kultur der Weisheit
    begründen, mit deren Hilfe alle Probleme des Planeten, von Hunger bis Umweltzerstörung, gelöst werden können. Die Gründung der Liga ist der Beginn eines
    neuen goldenen Zeitalters von Spiritualität und Frieden, ein Quantensprung im Weltbewusstsein, ein Schritt in eine neue Dimension kosmischen Geistes. Die
    Menschheit wird von der Liga erweckt und erleuchtet werden. So ist es von den uralten Adepten vorherbestimmt und so wird es geschehen.“
    Jason erklärte den 10. April, an dem dieses erste Seminar begann, zum Anfang eines neuen spirituellen Jahres. „An diesem Tag vor zwei Jahren haben mir die
    uralten Adepten das Szepter des Mahaguru übergeben. Mit diesem Tag beginnt die Zeitrechnung der Liga und wir werden in jedem Jahr am Wochenende vor diesem
    heiligen Tag der Uralten ein Seminar abhalten, um diesen Anlass zu feiern. Schon bald werden Tausende zu unseren Seminaren strömen.“
    Seine Worte waren von solcher Kraft getragen, dass alle im Raum im Innersten ergriffen wurden. Dazu kam das Bewusstsein, zur Elite dieser Bewegung zu
    gehören, das Gefühl, von den uralten Adepten ausgewählt zu sein als erste Eingeweihte der modernen Zeit.
    Ted beugte sich zu mir herüber und flüsterte: „Weißt du, was dieser Liga-Neujahrstag wirklich bedeutet?“
    Ich schüttelte den Kopf.
    „Es ist Jasons Geburtstag!“
    „Ist nicht wahr.“
    „Doch. Ich habe mich ein bisschen über ihn schlaugemacht. Es ist gut, seine Geschäftspartner zu kennen. Happy Birthday, lieber Howard…“
    Wir hatten Mühe, ein schallendes Lachen zu unterdrücken.
    Der Zwiespalt in meinem Inneren wurde heftiger. Einerseits machte ich mich über Jason und die Liga lustig, andererseits wurde ich von Jasons Worten immer
    mehr durchdrungen. Wenn ich ihn sprechen hörte oder in seiner Nähe war, schmolz mein Widerstand. Auf einmal schienen mir seine zusammengestohlenen und nach
    Gutdünken verdrehten Lehren logisch und einleuchtend und ich glaubte in ihm manchmal wirklich den Messias einer neuen Weltreligion zu erkennen. Sah ich ihn
    einige Zeit nicht, stiegen die alten Zweifel wieder auf und im Licht kritischer Vernunft schien die Liga wie bizarrer Spuk. Ich löste diesen Konflikt,
    indem ich mich für die geschäftliche Seite der Liga engagierte, mich bezüglich der spirituellen Aspekte aber bedeckt hielt, nicht weiter über sie
    nachdachte und bis auf eine Ausnahme nie auf Seminarbühnen in Erscheinung trat. Im tiefsten Inneren verachtete ich die gläubigen Massen, die an Jason
    hingen, fühlte mich hoch überlegen. Später einmal, als diese Zerrissenheit besonders stark in mir wühlte, sprach ich Jason darauf an, dass ich als
    Eingeweihter des inneren Kreises eigentlich kein Leben im Sinne der Liga führte – ich kümmerte mich nicht um die Wahrheitsbriefe, führte die Übungen nicht
    aus, besuchte keinerlei Schulungen und Kurse, die ganze Lehre bedeute mir eigentlich nicht besonders viel.
    Jason sah mich mit schiefem Lächeln an, packte mich herzlich an den Schultern und sagte: „Jeder dient den Uralten auf seine Weise. Deine Arbeit für die
    Liga ist wertvoller als alle Übungen und Lehren. Von Bedeutung ist nur, dass du unauflöslich mit der Macht des Hju verbunden bist. Es kommt in der
    Endabrechnung allein darauf an, was du für das Hju und die Liga getan hast.“
    Damals war es eine äußerst brauchbare Medizin für meinen Konflikt, die alle Zweifel ruhigstellte. Wenn ich in Jasons Gegenwart von der Macht, die durch ihn
    wirkte, berührt wurde und an mein mangelndes Engagement für die Übungen und die Lehre dachte, konnte ich mir einreden: Du bist eben kein spirituell
    begabter Mensch, aber du arbeitest trotzdem hart für die Sache der Liga; daher ist alles in Ordnung. Wenn ich hingegen mit Ted über Jason scherzte oder mir
    meine Zweifel zusetzten, warum ich mich mit diesem Schwindel überhaupt beschäftigte, konnte ich mich in der arroganten Überzeugung wiegen: Es ist alles nur
    ein Geschäft, noch dazu ein äußerst gewinnbringendes. Denke ich heute aber an Jasons Worte, packt mich Grauen, denn ich fürchte mich vor der Endabrechnung,
    die er prophezeite.
    Ted war der einzige, mit dem ich über diese Dinge sprechen konnte. Sein persönliches Beruhigungsmittel wirkte auf anderer Basis. „Auch wenn die Liga-Lehre
    eigentlich eine willkürliche Sammlung von geistigem Diebesgut und

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