Der Patient
heftig mit dem Knie gegen den Tisch, woraufhin ihm ein Schwall Obszönitäten über die Lippen kam. Mehrere »Verdammte Scheiße« und »Leck mich am Arsch«, die Ricky so gar nicht ähnlich sahen, denn bis zu den Geschehnissen seit dem gestrigen Tage hatte er so gut wie nie zu Kraftausdrücken gegriffen.
Er ging seitwärts am Tisch entlang, ertastete die Lampe und fand den Schalter. Mit einem erleichterten Seufzer knipste er ihn an und rechnete mit Licht.
Auch diese Lampe funktionierte nicht.
Ricky schwankte und hielt sich an seinem Möbel fest. Er redete sich ein, sie hätten einen Stromausfall, vielleicht von der Hitze und dem Überbedarf an Strom, doch hinter seinemSchreibtisch konnte er durchs Fenster die strahlenden Straßenlampen sehen, und auch die Klimaanlage surrte munter vor sich hin. Schließlich sagte er sich, es sei immerhin nicht gänzlich auszuschließen, dass zwei Glühbirnen zugleich den Geist aufgaben. Ungewöhnlich, aber nicht unmöglich.
Eine Hand an der Schreibtischkante, drehte er sich in Richtung der dritten Lampe um, die er in seinem Sprechzimmer hatte. Es war eine Stehlampe, ein schwarzes, schmiedeeisernes Gebilde, das seine Frau vor Jahren für ihr Ferienhaus in Wellfleet angeschafft, die er aber für die Ecke seiner Praxis, hinter seinem Sessel, am Kopfende der Couch, vereinnahmt hatte. Er benutzte sie als Leselampe und an verhangenen, regnerischen Novembertagen dazu, die trüben Lichtverhältnisse auszugleichen, so dass sich seine Patienten nicht gar so sehr vom Wetter beeinträchtigt fühlten. Die Lampe war von der Stelle, an der er sich jetzt befand, etwa drei Meter entfernt, doch ihm kam es viel weiter vor. Er hatte sein Sprechzimmer genau vor Augen und wusste, dass ihn nur wenige Schritte von seinem Sessel trennten und dass nichts im Wege stand und dass er, war er erst einmal da, die Lampe mühelos finden würde. Er wünschte sich in dem Moment, dass mehr Helligkeit durch die Fenster käme, doch das bescheidene Licht, das es gab, schien an den Scheiben Halt zu machen und es nicht bis ins Zimmer zu schaffen. Vier Schritte hinüber, sagte er sich. Und stoß nicht mit dem Knie am Sessel an.
Er ging vorsichtig los und tastete mit ausgestreckten Händen nach der Leere. Er beugte sich leicht in der Taille vor, um nach dem vertrauten alten Ledersessel zu greifen. Er schien länger für das kurze Stück zu brauchen als angenommen, doch der Sessel stand da, wo er immer stand. Er fand Arm- und Rückenlehne, und als er sich auf den Sitz plumpsen ließ, hörte er zu seiner Begrüßung das angenehme Quietschen des Leders.
Seine Hände ertasteten den kleinen Tisch, auf dem er seinen Terminkalender sowie seine Uhr bereit hielt, und griffen dahinter nach der Lampe. Der Knopf befand sich direkt unter der Birne, und mit ein bisschen Fummelei hatte er ihn endlich gefunden. Er drehte ihn augenblicklich, und es machte klick. Es blieb unverändert dunkel.
Wohl ein Dutzend Mal drehte er an dem Knopf, und das Klicken erfüllte den Raum.
Nichts.
Ricky saß wie versteinert da und versuchte, sich irgendeinen harmlosen Reim darauf zu machen, dass in seinem Sprechzimmer kein Licht funktionierte. Ihm fiel nichts ein.
Während er tief Luft holte, horchte er in die Nacht und versuchte, die Geräuschkulisse der Stadt zu durchdringen. Seine Nerven waren aufs Äußerste gespannt, sein Hörsinn geschärft und seine sämtlichen Sinne einzig darauf gerichtet, festzustellen, ob er wirklich alleine war. Am liebsten wäre er zur Tür und anschließend in den Flur gerannt, um jemanden zu finden, der mit ihm zusammen in die Wohnung zurückging. Doch dann erkannte er den Wunsch als Ausdruck reiner Panik und unterdrückte ihn. Stattdessen versuchte er, sich zur Ruhe zu zwingen.
Er hörte zwar nichts, doch das bewies noch lange nicht, dass wirklich niemand in der Wohnung war. Er überlegte, wo sich wohl jemand verstecken konnte, in welchem Schrank, in welcher Ecke, unter welchem Tisch. Dann versuchte er, sich auf diese Stellen zu konzentrieren, als könnte er von seiner Position hinter der Analyse-Couch aus diese Schlupfwinkel überblicken. Doch auch dieser Versuch war erfolglos oder zumindest nicht zufriedenstellend. Er überlegte fieberhaft, wo er vielleicht eine Taschenlampe oder einen Kerzenleuchter hatte, und kam zu dem Schluss, dass so etwas, falls vorhanden, nurin einem der Küchenregale sein konnte, vermutlich direkt neben den Ersatzglühbirnen. Er blieb noch eine Minute sitzen, dann machte er sich klar, dass
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