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Der Patient

Titel: Der Patient Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: John Katzenbach
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von da an ohne den zwanghaften Wunsch leben konnte, es jemandem heimzuzahlen.
    Es jemandem heimzahlen zu wollen, war in seinen Augen eine Schwäche. Vielleicht sogar eine Krankheit.
    Ricky zuckte die Achseln.
    Während ihm noch der Kopf davon schwirrte, seine bisherigen Erkenntnisse zusammenzufassen und auf die Situation anzuwenden, klingelte das Telefon auf seinem Schreibtisch.
    Er zuckte zusammen und zögerte, während er die Hand danach ausstreckte und sich fragte, ob es wohl Virgil war.
    War es nicht. Es war die Anzeigenfrau bei der
Times
.
    »Dr. Starks?«
    »Ja.«
    »Tut mir leid, dass ich noch mal anrufe, aber wir hatten ein kleines Problem.«
    »Ein Problem? Wo liegt das Problem?«
    Die Frau zögerte, als fiele es ihr schwer zu sagen, worum es ging, dann fuhr sie fort, »Die Visakartennummer, die Sie mir gegeben haben, ähm, die ist als gesperrt zurückgekommen. Sind Sie sicher, dass Sie mir die richtige Zahlenfolge gegeben haben?«
    Ricky wurde rot, obwohl er sich allein im Zimmer befand.
    »Gesperrt? Das ist unmöglich«, sagte er empört.
    »Vielleicht hab ich ja die Nummer falsch verstanden …«
    Er griff nach seiner Brieftasche und las die Ziffern noch einmal langsam vor. Die Frau schwieg, bevor sie sagte: »Nein, das ist die Nummer, die ich eingegeben habe. Die Rückmeldung besagt, dass die Karte gesperrt ist.«
    »Versteh ich nicht«, sagte Ricky mit wachsender Frustration.
    »Ich habe gar nichts gesperrt. Und ich gleiche jeden Monat das ganze Soll aus …«
    »Die Kreditkarteninstitute machen mehr Fehler, als Sie meinen würden«, sagte die Frau zur Erklärung. »Haben Sie vielleicht eine andere Karte? Oder soll ich Ihnen doch einfach eine Rechnung schicken, und Sie bezahlen per Scheck?«
    Ricky wollte gerade eine andere Karte aus der Brieftasche ziehen, als er abrupt innehielt. Er schluckte schwer. »Tut mir leid, Ihnen die Umstände zu machen«, sagte er langsam, weil er sich plötzlich mühsam beherrschen musste. »Ich werde mich mit dem Kreditkarteninstitut in Verbindung setzenmüssen. Inzwischen schicken Sie mir am besten einfach eine Rechnung zu.«
    Die Frau murmelte etwas zur Bestätigung, überprüfte noch einmal seine Adresse und fügte hinzu, »Passiert alle Naselang. Haben Sie Ihre Brieftasche verloren? Manchmal bekommen Diebe die Nummern auch aus alten Kontoauszügen, die weggeworfen werden. Oder Sie kaufen etwas, und der Verkäufer verhökert Ihre Nummer an einen Betrüger. Es gibt unzählige Methoden, mit einer Kreditkarte Missbrauch zu treiben. Aber Sie rufen wirklich besser das Institut an, das sie ausgestellt hat, und klären die Sache. Schließlich wollen Sie sich nicht mit Abbuchungen rumschlagen, die Sie gar nicht gemacht haben. Jedenfalls werden die Ihnen wahrscheinlich binnen vierundzwanzig Stunden eine neue ausstellen.«
    »Bestimmt«, sagte Ricky. Er legte auf.
    Langsam zog er eine Kreditkarte nach der anderen aus der Brieftasche. Die sind alle unbrauchbar, sagte er sich. Die sind alle gesperrt.
    Er wusste nicht wie, aber er wusste, durch wen.
     
    Dennoch machte er sich daran, mühselig jedes Kreditinstitut einzeln anzurufen, um bestätigt zu finden, was er bereits wusste. Der telefonische Kundendienst war immer freundlich, wenn auch nicht sehr hilfreich. Als er zu erklären versuchte, dass er in Wahrheit seine Karten gar nicht hatte sperren lassen, wurde er jedesmal eines Besseren belehrt. So war es in ihrem Computer gespeichert, und der Computer konnte nicht irren. Er fragte jedesmal nach, wie genau die Karte gesperrt worden sei, und erfuhr übereinstimmend, der Auftrag sei über ihre jeweilige Webpage elektronisch erfolgt. Derartige einfache Transaktionen, erklärten die Mitarbeiter pflichtgemäß, könnten durch wenige Anschläge auf der Tastatur erfolgen.Dies sei, sagten sie, ein Service, den die Bank anbiete, um ihren Kunden in finanziellen Dingen das Leben zu erleichtern, auch wenn Ricky dies unter den gegebenen Umständen vielleicht nicht ganz nachvollziehen konnte. Alle boten ihm an, für ihn ein neues Konto zu eröffnen.
    Er erklärte jedem Institut, er würde darauf zurückkommen. Dann nahm er eine Schere aus der obersten Schublade und schnitt jedes Stück nutzloses Plastik entzwei. Dabei war Ricky durchaus bewusst, dass einige seiner Patienten sich genau dazu gezwungen gesehen hatten, wenn sie ihr Dispolimit überzogen hatten und in die Schuldenfalle getappt waren.
    Ricky wusste nicht, wie weit Rumpelstilzchen sich Zugang zu seinen Finanzen verschafft hatte.

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