Der Pfeil der Rache
Quintins Augen wurden schmal, und er blickte mich einen Moment lang forschend an. Dann winkte er ab und sagte: »Ich erinnere mich kaum, es ist ja schon eine Ewigkeit her. Ich habe mich im Leben mit so vielen Fällen befasst. Komm, Edward, führe mich hinaus.« Er beugte sich vor, starrte mir ins Gesicht. »Gehabt Euch wohl, Master Shardlake. Hoffentlich seid Ihr so vernünftig, die Angelegenheit fallenzulassen. Diese Menschen hier haben schon genug Unglück.«
Ich begab mich auf mein Zimmer, trat ans Fenster und blickte auf den Zielhügel hinunter. Von Priddis hatte ich nichts erfahren. Hilfloser Zorn wallte in mir auf. Es klopfte, und Barak trat ein. Er wirkte besorgt.
»Wie ist die Stimmung?«, fragte ich. »Im großen Saal war niemand.«
»Kurz nachdem Ihr gegangen wart, schickte Fulstowe mich hinaus. Doch im selben Moment brachte ein Bote einen Brief für Euch. Ich hoffte auf Neuigkeiten aus London, aber ich erkenne die Handschrift nicht.«
Er fasste in sein Wams und zog ein schäbiges Blatt Papier hervor, welches grob mit Wachs versiegelt war. Mein Name und »Kloster Hoyland« waren auf die Vorderseite gekritzelt. Ich erbrach das Siegel.
»Ist er von zu Hause?«, fragte Barak aufgeregt.
Ich schüttelte den Kopf. »Nein.«
Das Schreiben war hingekritzelt, datierte vom 12. Juli, dem gestrigen Tag, und war von John Seckford gezeichnet, Kurat zu Rolfswood.
Verehrter Master Shardlake,
ich behellige Euch ungern, aber der alte Gevatter Harrydance war bei mir. Er hat eine grausige Entdeckung gemacht. Es geht um die Angelegenheit, von der wir sprachen. Bitte kommt und helft. Wir wissen nicht weiter und sind in großer Sorge.
kapitel zweiunddreißig
I ch reichte Barak den Brief. Er las ihn und gab ihn mir zurück, wobei er mich nicht aus den Augen ließ. »Was zum Teufel meint er damit?«
»Ich weiß es nicht.« Ich durchquerte den Raum. »Es ist ernst. Ich könnte mich morgen dorthin aufmachen und tags darauf zurückkehren – der Coroner ist ohnehin nicht vor Mittwoch hier.«
Er sagte ruhig: »Es kommt Euch zupass, dass wir morgen nicht zurückreiten können, nicht wahr?«
»Du bist ungerecht«, entgegnete ich, umso hitziger, weil er den Nagel auf den Kopf getroffen hatte. »Wir wären ja aufgebrochen, wenn Abigail nicht getötet worden wäre. Konnte ich das ahnen? Und du wirst doch wohl nicht glauben, dass ich froh bin über ihren Tod. Allerdings könnte ein Ermittlungsverfahren ans Licht bringen, was hier gespielt wird.«
»Aber ein Teil von Euch ist dennoch froh, hab ich recht?«
»So habe ich Gelegenheit, beide Angelegenheiten abzuschließen.«
»Ihr vergesst, dass es acht Meilen von hier jederzeit zum Gefecht kommen kann. Und wenn wir es verlieren, kommen französische Soldaten diese Straße heraufmarschiert und auch in dieses Haus. Es eignet sich ausgezeichnet zum Plündern.«
»Mit diesem Risiko müssen wir leben. Aber –« Ich sah ihn an. »Ich reite morgen allein nach Rolfswood.«
»O nein, ich komme mit«, entgegnete Barak trotzig. »Ich bleibe nicht allein in diesem Tollhaus.«
* * *
Ich klopfte an die Tür zu Hobbeys Studierzimmer. »Herein«, sagte er ruhig. Er saß an seinem Schreibtisch und sah zu, wie der Sand durch das Stundenglas rieselte. Es war das erste Mal, dass ich ihn allein antraf. Ich verspürte einen Stich Mitleid. Binnen zwei Tagen war das Geheimnis um das Leiden seines Sohnes gelüftet und seine Frau ermordet worden. Er wirkte todtraurig.
»Nun, Master Shardlake«, fragte er seufzend, »habt Ihr mit Master Priddis den Wald inspiziert?«
»In der Tat.«
Er winkte ab. »Würdet Ihr das Ergebnis mit Vincent besprechen? Ich kann mich im Augenblick nicht darauf konzentrieren.«
»Das verstehe ich. Darf ich Euch mein Beileid aussprechen?«
Er schlug die Augen nieder und sagte dann mit bewegter Stimme: »Kein Mensch mochte die arme Abigail. Ich weiß es genau. Aber Ihr hättet sie sehen sollen, als ich um sie freite, wie hübsch sie damals war, wie unbeschwert. Hätte sie nicht mich geheiratet –« Die Stimme versagte ihm.
»Wie geht es David und Hugh?«, fragte ich. Eine normale Familie, dachte ich, wäre jetzt beisammen, um sich gegenseitig zu trösten.
»David ist in großer Not. Fulstowe ist bei ihm. Und Hugh –« Er seufzte. »Hugh ist irgendwo im Haus. Sir Luke lässt den Wald durchstöbern. Leute aus dem Dorf helfen ihm. Sie hegen die Befürchtung, ein Wahnsinniger könne durch die Wälder streifen. Sir Luke meint, wir sollten vorerst Haus und Garten
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