Der Pfeil der Rache
nicht verlassen.«
»Ist Ettis schon befragt worden?«
»O ja. Er hasst unsere Familie.« Hobbey runzelte die Stirn. »Vincent meint, falls sie im Wald keinen Fremden aufspüren, müsse er zu den Verdächtigen gehören. Das ist sicher richtig.« Er runzelte die Stirn. Dyrick übernimmt jetzt das Kommando, dachte ich, zusammen mit Fulstowe.
»Nun«, antwortete ich ruhig, »dies zu entscheiden, ist Sache des Coroners. Ich bin hier, Master Hobbey, weil ich Euch mitteilen möchte, dass ein Bote mir einen Brief aus einem Dorf in Sussex brachte, wo ich einen weiteren Fall zu lösen habe. Ich würde morgen gern dorthin reiten und tags darauf zurückkommen, wenn’s recht ist. Dann stehe ich dem Coroner zur Verfügung. Er muss Barak und mich befragen, da wir die Tote gefunden haben.«
»Wie Ihr wollt«, antwortete er gleichgültig.
Was ich als Nächstes zu sagen hatte, erforderte wirklich die Anwesenheit Dyricks. Ich war mir dessen bewusst, doch es nagte an mir. »Letzte Woche, Sir«, sagte ich deshalb nach kurzem Zögern, »wurde ich versehentlich Zeuge einer Unterhaltung zwischen Euch und Eurer Gemahlin. Sie äußerte Bedenken, was die Jagd anging, fürchtete eine Gefahr.«
Hobbey schwieg einen Moment. Dann sprach er, ohne den Kopf zu heben, jedoch langsam und deutlich. »Meine Frau hat sich am Ende vor allem und jedem gefürchtet, Master Shardlake. Wie schon gesagt, sie war nicht wohlauf. Sie bildete sich ein, dass nichts und niemand sicher sei.« Er nahm das Stundenglas auf, starrte auf den rieselnden Sand und dann auf mich, einen merkwürdigen Ausdruck im schmalen Gesicht. »Mein ganzes Leben«, sagte er bedächtig, »alles, was ich erstrebt und aufgebaut habe, die Menschen, die ich liebte, alles zerrinnt, wie der Sand in diesem Glas. Glaubt Ihr an das Schicksal, Master Shardlake, an eine ausgleichende Gerechtigkeit, eine Nemesis?«
»Nein, Sir. Ich begreife zwar nicht, wie Gott die Welt geordnet hat, aber dass sie so ist, glaube ich nicht.«
»Alles begann mit Eurer Ankunft hier.« Seine Stimme war immer noch ruhig, sein Ton seltsam, von milder Neugier geprägt. »Dieser vermaledeite Fall. Wäre er nicht gewesen, hätte David vermutlich keinen Anfall erlitten. Ihr ermutigt meine Pächter zum Aufruhr; leugnet es nicht, ich habe meine Informanten im Dorf. Und jetzt ist meine Frau tot. Da stellt sich mir die Frage, ob nicht vielleicht Ihr meine Nemesis seid.«
»Ich möchte niemandes Nemesis sein, Master Hobbey.«
»Nicht? Ich wäre nicht so sicher.« Immer noch sprach er ruhig, aber jetzt sah er zu mir auf, und sein Blick war plötzlich so scharf und forschend wie immer. »Nun, vielleicht liege ich falsch, vielleicht fing alles mit Michael Calfhill an, mit –« Schmerz durchzuckte sein Gesicht. Danach schien er wieder der Alte. »Wir sollten in Vincents Abwesenheit nicht über solche Dinge sprechen«, sagte er, wieder in förmlichem Ton. »Wir sehen uns in zwei Tagen, Master Shardlake.« Und mit einem Kopfnicken entließ er mich.
* * *
Barak und ich brachen tags darauf schon früh nach Rolfswood auf. Ich hätte gut auf das Reiten verzichten können; mein bandagierter Arm tat weh, und mein Rücken schmerzte nach der Jagd. Das Wetter war wieder schwül, der Himmel grau.
Ich sprach wenig auf dem Weg; Hobbeys Worte vom Vortag hatten mich verstört. Ich mochte mir noch so oft vorsagen, dass ich Ettis nur gegen einen tyrannischen Gutsherrn ermutigt hatte, dass David jederzeit einen Anfall hätte erleiden können und dass niemand wusste, wer Abigail getötet hatte und warum. Dennoch konnte ich durchaus verstehen, warum Hobbey mich als seine Nemesis ansah.
Am Abend davor hatte ich Warner einen Brief geschrieben, ihm mitgeteilt, was geschehen war. Ich hatte auch Dyricks Angebot erwähnt, bezüglich der Ermittlungskosten. Danach hatte ich Guy wissen lassen, dass wir nun doch nicht so bald zurückkämen, und mich sodann zu den Wirtschaftsgebäuden begeben, um den Brief zu holen, den Barak an Tamasin geschrieben hatte; wir würden sämtliche Schreiben nach Cosham bringen, wo der Postreiter sie einsammeln würde. Auf dem Weg war ich an Davids Zimmer vorbeigekommen und hatte ein herzzerreißendes Schluchzen vernommen, dazu Fulstowes Stimme, der leise und beruhigend auf ihn eingeredet hatte.
Auf dem Rückweg, die Briefe in Händen, hatte ich Hugh entdeckt, der in einiger Entfernung auf der halb eingestürzten Mauer des alten Nonnenfriedhofs saß. Ich hatte mich zu ihm gesellt. Sein langes Gesicht wirkte traurig, die
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