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Der Prinz von Atrithau

Der Prinz von Atrithau

Titel: Der Prinz von Atrithau Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: R. Scott Bakker
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sein Gesicht war nirgendwo zu sehen.
    Wo es sich hätte befinden sollen, prangte eine auf dem Rücken liegende Spinne, deren Beine im Tod den Unterleib umklammerten. Was einmal Chepheramunnis Gesicht gewesen war, war seltsam auf die vielen Spinnenbeine verteilt. Eleäzaras entdeckte vertraute Einzelheiten: hier ein Nasenloch, dort eine Braue. Unter den Spinnenbeinen erblickte er lidlose Augen und nackte Zähne ohne Lippen.
    Und wie der Dummkopf Skalateas behauptet hatte, war nirgendwo das Mal der Hexenkunst zu spüren.
    Chepheramunni – ein Hautkundschafter der Cishaurim.
    Das war doch unmöglich!
    Der Hochmeister der Scharlachspitzen hustete und unterdrückte seine seltenen Tränen. Das war zu viel. Die alptraumhafte Tragweite dieses Ereignisses war geradezu greifbar. Einmal mehr schien der Boden unter seinen Füßen nachzugeben, und erneut musste Chinjosa ihn stützen.
    »Hochmeister, was hat das zu bedeuten?«
    Dass wir verloren sind. Dass ich meinen Orden in den Untergang geführt habe.
    Der ganze Kriegszug war für die Scharlachspitzen eine Abfolge von Katastrophen gewesen: Erst hatten sie in der Schlacht bei Anwurat furchtbare Verluste davongetragen; dann war General Setpanares getötet worden; fünfzehn Hexenmeister waren in der Wüste verdurstet oder an Hemoplexie gestorben; das Desaster im Stützpunkt Iothiah hatte zwei weitere Mitglieder des Ordens das Leben gekostet; obendrein wurde der Heilige Krieg belagert und litt bitteren Hunger.
    Und nun mussten sie auch noch entdecken, dass ihr verhasster Feind sich in den eigenen Mauern befand. Wie viel mochten die Cishaurim wissen?
    »Wir sind verloren«, murmelte Eleäzaras.
    »Nein, Hochmeister«, entgegnete Chinjosa, in dessen dunkler Stimme noch immer tiefes Entsetzen lag.
    Eleäzaras sah ihn an. Chinjosa war ein großer, kräftiger Mann im Kettenhemd, über dem er einen Umhang der Kianene aus roter Seide trug. Eine weiße Gesichtscreme ließ seine markanten Züge gegenüber dem schwarzen, rechteckig geschnittenen Bart deutlich hervortreten.
    Er hatte sich als geradezu unbesiegbarer Kämpfer, als fähiger Befehlshaber und kluger Berater erwiesen.
    »Wir wären verloren gewesen, wenn diese Abscheulichkeit uns in die Schlacht geführt hätte«, erklärte der Pfalzgraf. »Womöglich haben die Götter uns mit ihren Heimsuchungen sogar einen Gefallen getan.«
    Eleäzaras stierte ihn wie betäubt an, da ihm ein furchtbarer Gedanke gekommen war. »Bist du es wirklich, Chinjosa?«
    Der Pfalzgraf der Provinz Antanamera, die sich so oft als Rückgrat von Ainon erwiesen hatte, sah ihn finster an. »Das will ich meinen, Hochmeister.«
    Eleäzaras musterte ihn, und es schien, als würde ihn nur die so aufrichtige wie martialische Ausstrahlung Chinjosas vor der Verzweiflung bewahren. Der Pfalzgraf hatte Recht: Das war keine weitere Katastrophe, sondern eher ein… Segen. Aber wenn die Cishaurim einen Mann wie Chepheramunni hatten ersetzen können, verbargen sich unter den führenden Köpfen des Heiligen Kriegs sicher noch weitere Hautkundschafter.
    »Niemand darf von dem erfahren, was wir hier gesehen haben, Chinjosa!«
    Der Pfalzgraf nickte im Halbdunkel.
    Wenn wenigstens dieser undankbare Mandati unter der Folter gesprächig geworden wäre!
    »Trenn seinen Kopf ab«, sagte Eleäzaras mit aufkommender Empörung, »und wirf die Leiche auf den Scheiterhaufen.«
     
     
    Achamian und Xinemus schlichen unter einer Tarnkappe voran. Es gab nichts zu essen oder zu trinken, und sie waren völlig erschöpft und litten furchtbare Schmerzen.
    Die weite Strecke von der Hafenstadt Joktha bis nach Caraskand hatten sie im Schutz eines Zaubers zurückgelegt, der sie unsichtbar machte.
    Wenn sie an den feindlichen Lagern vorbeikamen, merkten sie, wie die Cishaurim mit ihren leeren Augenhöhlen nach ihnen Ausschau hielten. Oft spürte Achamian ihren durchdringenden Blick, mit dem sie jede Magie wahrzunehmen vermochten, also auch seine Tarnung und die von Xinemus. Doch immer sahen die Cishaurim rechtzeitig weg, ohne dass er hätte sagen können, warum.
    Als sie die Mauern von Caraskand erreichten, gaben sie sich an einer kleinen Seitenpforte zu erkennen. Es war Nacht, und Fackeln brannten auf den Zinnen. Achamian rief den verdutzten Wächtern zu: »Öffnet uns! Ich bin Drusas Achamian, Ordensmann der Mandati, und das ist Krijates Xinemus, der Marschall von Attrempus. Wir sind gekommen, um eure Not zu teilen!«
    »Diese Stadt ist verloren und verdammt«, rief jemand herunter. »Wer außer

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