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Der Regenmacher

Der Regenmacher

Titel: Der Regenmacher Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: John Grisham
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nicht den ganzen Vormittag hier sitzen. Sind wir uns einig?«
    Alle nicken. Die Männer am Tisch der Verteidigung gleichen hölzernen Enten in einem Schießstand auf dem Jahrmarkt, alle Köpfe nicken gleichzeitig. Leo Drummond begibt sich zu einem mobilen Podium in der Mitte des Gerichtssaals und beginnt mit seinem Plädoyer. Er ist langsam und penibel, und nach ein paar Minuten wird es langweilig. Er referiert die Hauptpunkte, die er bereits in seinem ausgedehnten Schriftsatz angeführt hat und denen zufolge Great Benefit zu Unrecht angeklagt worden ist, weil ihre Police Knochenmarkstransplantationen nicht abdeckt. Dann ist da natürlich noch die Frage, ob Donny Ray Black überhaupt an der Police teilhat, da er volljährig ist und dem Haushalt nicht mehr angehört.
    Ich hatte offen gestanden mehr erwartet. Ich dachte, ich würde von dem großen Leo Drummond etwas fast Magisches zu hören bekommen. Bis gestern hatte ich mich sogar auf diesen anfänglichen Schlagabtausch gefreut. Ich wollte eine schöne Keilerei erleben zwischen Drummond, dem geschliffenen Advokaten, und Bruiser, dem Draufgänger im Gerichtssaal.
    Aber wenn ich nicht so nervös wäre, würde ich einschlafen. Er redet ohne Pause und überzieht seine fünfzehn Minuten. Richter Hale schaut zu ihm herunter und liest irgend etwas, vermutlich eine Zeitschrift. Zwanzig Minuten. Deck hat gesagt, er hätte gehört, daß Drummond zweihundertfünfzig Dollar für eine Bürostunde berechnet und dreihundertfünfzig die Stunde bei einem Auftritt vor Gericht. Das liegt erheblich unter den Standards von New York und Washington, aber für Memphis ist es sehr viel. Er hat einen guten Grund, langsam zu reden und sich zu wiederholen. Es zahlt sich aus, gründlich und sogar penibel zu sein, wenn man solche Honorare in Rechnung stellt.
    Seine drei Gehilfen machen sich hektisch Notizen; sie versuchen offensichtlich, alles festzuhalten, was ihr großer Anführer zu sagen hat. Es ist fast komisch, und unter angenehmeren Umständen würde ich mir vielleicht sogar ein Lachen abringen. Erst haben sie Recherchen betrieben, dann haben sie den Schriftsatz verfaßt, dann haben sie ihn mehrere Male umgeschrieben, dann haben sie auf meinen Schriftsatz reagiert, und nun halten sie Drummonds Argumente fest, die er nahezu wörtlich diesen Schriftsätzen entnimmt. Aber sie werden dafür bezahlt. Deck vermutet, daß Tinley Britt für seine angestellten Anwälte um die einhundertfünfzig Dollar pro Stunde für Büroarbeit berechnet und wahrscheinlich noch ein bißchen mehr für Anhörungen und Prozesse. Dazu dreihundertfünfzig für Drummond. Das sind um die tausend Dollar für das, was ich jetzt erlebe.
    Der vierte Mann, derjenige, der hinter den Anwälten sitzt, ist älter, ungefähr im gleichen Alter wie Drummond. Er macht sich keine Notizen, also kann er kein Verteidiger sein. Vermutlich ist er ein Vertreter von Great Beneft, vielleicht einer ihrer Hausanwälte.
    Ich hatte Deck ganz vergessen, bis er mir mit einem Block auf die Schulter tippt. Er ist hinter mir, streckt die Hand über die Schranke. Er will mir etwas mitteilen. Auf den Block hat er ein paar Worte geschrieben. »Dieser Kerl ist stinklangweilig. Halten Sie sich einfach an Ihren Schriftsatz. Bleiben Sie unter zehn Minuten. Keine Spur von Bruiser?«
    Ich schüttele den Kopf, ohne mich umzuwenden. Als ob Bruiser im Gerichtssaal sein könnte, ohne daß man ihn sieht.
    Nach einunddreißig Minuten beendet Drummond seinen Monolog. Die Lesebrille ist ihm auf die Nasenspitze gerutscht. Er ist der Professor, der den Studenten einen Vortrag hält. Er strebt zu seinem Tisch zurück, sichtlich zufrieden mit seiner brillanten Logik und der unglaublichen Fähigkeit, komplizierte Zuammenhänge knapp auszudrücken. Seine Klone nicken einhellig und flüstern rasch ihre Anerkennung für seinen grandiosen Auftritt. Was für ein Haufen von Speichelleckern! Kein Wunder, daß er schier platzt vor Selbstzufriedenheit.
    Ich lege meinen Block aufs Podium und schaue zu Richter Hale hinauf, der, jedenfalls im Augenblick, ungeheuer interessiert zu sein scheint an dem, was zu sagen ich im Begriff bin. Ich habe eine fürchterliche Angst, aber mir bleibt nichts anderes übrig, als loszulegen.
    Dies ist ein simpler Prozeß. Great Benefits Zahlungsverweigerung hat meinen Mandanten der einzigen medizinischen Behandlung beraubt, die ihm das Leben gerettet hätte. Das Verhalten der Versicherung wird zur Folge haben, daß Donny Ray stirbt. Wir sind im Recht und

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