Der Ring der Kraft - Covenant 06
als seltsam tröstlich. Gefühlsmäßig wehrte er sich, als sie ihm seine Flamme entwand; doch die Kälte und sein mangelhaftes Wahrnehmungsvermögen machten seine Bemühungen aussichtslos. Und der Eindringling – eine äußere Identität, die sich irgendwie, als hätte er aller Abwehrmechanismen entsagt, in seinem Geist niedergelassen hatte – spendete ihm im Gegenzug Wärme, eine Zusammenfassung starken Verlangens nach ihm und der Hitze seines Feuers. Für einen Moment glaubte er, diese Präsenz zu kennen, intim mit ihr vertraut zu sein. Dann verwandelte sich die Welt in weiße Magie und Leidenschaft; und die Kälte wich. Einige Sekunden später klärte sich seine Sicht wieder, und er merkte, daß er auf Händen und Knien lag. Linden hatte sich aus ihm zurückgezogen, einen Schmerz der Abwesenheit hinterlassen, als hätte sie eine Tür geöffnet, die ihn zu sehen befähigte, wie leer sein Herz ohne sie war; dumpfer Verlust pochte durch seinen rechten Unterarm; aber sein Ring stak noch am äußeren Finger seiner Halbhand. Der Wind blies ihm Frostkälte unter die Kleider. Die Sonne gleißte, als könne das schändliche Verbrechen des Sonnenübels niemals beseitigt werden. Von neuem hatte er versagt. Und erneut war bewiesen worden, daß Linden ...
Diesmal hatte sie einfach in sein Inneres geschaut und davon Besitz ergriffen. Zwischen diesem Vorgehen und dem, was Lord Foul mit Joan getan hatte, bestand kein Unterschied; auch nicht zu dem, was er dem Land antat. Es gab keinen Unterschied außer dem Unterschied zwischen Linden selbst und dem Verächter. Und der Gibbon-Wütrich hatte verheißen, sie werde den Untergang der Welt herbeiführen. Jetzt verfügte sie über die Macht, um diese Voraussage wahr zu machen. Sie konnte sie sich aneignen, wann immer sie wollte.
Heftige Trauer suchte Covenant heim – Trauer um sie beide, um sich in seiner verhängnisvollen Unfähigkeit, um Linden aufgrund ihrer schweren Bürde. Er befürchtete, laut weinen zu müssen. Aber dann durchdrang rauhes, mühsames Atmen das gleichmäßige Gesäusel des Winds; und diese Laute lenkten seine Aufmerksamkeit zurück auf seine Begleiter. Das Eis, das den Haruchai umschlossen hatte, war verschwunden, und Cail focht nun mit eigenen Kräften mühselig um sein Leben, rang um jeden Atemzug, entwand dem Fast-Tod der Kälte mit gebleckten Zähnen jede Lungevoll Luft. Nicht einmal die Wasserhulden hatten ihn dem Tode so nahe gebracht. Aber Linden hatte ihn an den Rand eines möglichen Überlebens zurückgeholt. Und unter Covenants Augen bewältigte Cail nun selber den Rest.
Blankehans, Nebelhorn und die Erste beobachteten Cail, Linden und Covenant, in ihren Mienen ein Gemisch aus Sorge und Beifälligkeit. Pechnases Atmung hatte sich inzwischen so weit beruhigt, daß er mit verzerrter Grimasse grinsen konnte. Linden jedoch hatte nur Augen für Covenant.
Ihr war schwindlig vor Bestürzung über das, was sie getan hatte. Von Anfang an war ihr Abscheu vor allen Formen von Besessenheit und Besitzergreifen noch größer als bei Covenant gewesen; doch immer wieder zwang derartiges sich ihr als unausweichliche Notwendigkeit auf. Die grundsätzlichen Entschlüsse, die sie schon dazu bewogen hatten, Ärztin zu werden, nötigten sie zum Schlechten. Und was zwang sie dazu? fragte sie sich. Ihr Mangel an Macht. Bekäme sie Covenants Ring, wie die Elohim es als richtig erachteten, blieben ihr die Gefahren dieses Verdammtseins erspart. Aber er konnte ihn nicht hergeben. Zu allem anderen war er imstande; alles andere würde er tun. Das jedoch nicht. Mehr als einmal hatte sie sich gegen seine Schutzinstinkte gewandt, gegen seinen Wunsch, sie zu schonen, Einspruch erhoben. Aber wie hätte er eingestehen können, daß all das andere – sämtliche sonstigen Versuche, sie zu schützen, zu bewahren – nichts war als ein Bemühen, einen Ausgleich für jene eine Weigerung zu leisten? Ihr etwas zur Entschädigung für das zu geben, was er nicht zu geben vermochte? Und jetzt tat er wieder das gleiche. Obwohl vom Eis wie zerfressen und frostdurchdrungen, wie er war – leprotisch, giftverpestet und geschlagen –, stellte er seinen Mut erneut auf die Beine, drehte sich ihr zu, unterdrückte seinen Kummer. »Ich hoffe, ich habe niemanden verletzt«, sagte er schwerfällig.
Das war wenig. Aber für den Moment genügte es. Lindens Unbehagen ließ nach, als hätte er eine Geste des Verzeihens gemacht. Ein schiefes Lächeln vertrieb die Strenge von ihren Lippen. »Mit dir ist
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