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Der Schatten erhebt sich

Der Schatten erhebt sich

Titel: Der Schatten erhebt sich Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Robert Jordan
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Natürlich konnte er den Schnitt in seinem Gesicht selbst nicht sehen, aber er schien doch klein und nur oberflächlich zu sein, wenn auch unangenehm nahe an seinem Auge. Aber der Schnitt an seiner linken Seite war mehr als eine Handspanne lang, längs der untersten Rippe, und in seiner rechten Hüfte hatte ein Speer eine tiefe Wunde hinterlassen. Faile mußte diese Wunde nähen. Nadel und Faden hatte sie in ihrem Nähzeug dabei. Er nahm alles gelassen hin. Sie war diejenige, die bei jedem Stich zusammenzuckte. Die ganze Zeit über fluchte sie leise vor sich hin, besonders heftig, als sie ihre dunkle, beißende Salbe in die Wunde an seiner Wange strich. Es machte beinahe den Eindruck, als seien es ihre Verletzungen und alles seine Schuld. Doch die Hand, die Bandagen um seine Rippen und seine Hüfte wickelte, war sanft. Es war ein überraschender Kontrast bei ihr - die sanfte Versorgung der Wunden und ihr wütendes Fluchen dabei. Einfach verwirrend, diese Frau.
    Während er sich ein frisches Hemd und eine Ersatzhose aus den Satteltaschen fischte und anzog, untersuchte Faile den Schnitt an der Seite seines Wamses. Drei Fingerbreit weiter rechts, und er hätte die Insel nicht mehr lebend verlassen. Er stampfte die Füße richtig in seine Stiefel hinein und faßte nach dem Wams. Da warf sie es ihm hin.
    »Du brauchst gar nicht zu glauben, daß ich dir das nähe! Ich habe schon mehr für dich genäht, als ich jemals vorhatte. Hörst du das, Perrin Aybara?« »Ich habe dich nicht gebeten... « »Du brauchst es gar nicht erst zu glauben! Das ist alles!« Sie stolzierte weg, um den Aiel dabei zu helfen, ihre Wunden und die Loials zu versorgen. Es gab ein komisches Bild ab. Da stand der Ogier und hatte seine Pumphosen heruntergelassen. Gaul und Chiad sahen sich mißtrauisch an, wie Katzen, die in ein fremdes Revier eingedrungen waren. Faile breitete ihre Tinkturen und Binden aus und blickte ihn ständig vorwurfsvoll an. Was hatte er nun wieder falsch gemacht?
    Perrin schüttelte den Kopf. Gaul hatte recht, fand er. Man kann genausogut versuchen, die Sonne zu verstehen.
    Er wußte wohl, was er jetzt zu tun hatte, zögerte aber, weil er daran dachte, was sich in den Wegen mit dem Blassen abgespielt hatte. Einmal hatte er einen Mann kennengelernt, der vergessen hatte, daß er ein Mensch war. Das gleiche konnte auch ihm passieren. Narr. Du mußt nur noch ein paar Tage durchhalten. Nur, bis du die Weißmäntel aufspürst. Aber er mußte Gewißheit haben. Diese Raben.
    Er fühlte im Geist über das Tal hinweg nach Wölfen. Es gab immer Wölfe, wo keine Menschen wohnten, und wenn welche nah genug waren, konnte er mit ihnen sprechen. Die Wölfe mieden Menschen, gingen ihnen so weit wie möglich aus dem Weg, aber sie haßten die Trollocs als unnatürliche Geschöpfe, und sie verabscheuten die Myrddraal abgrundtief. Wenn sich in den Verschleierten Bergen Schattenabkömmlinge aufhielten, würden es ihm die Wölfe sagen.
    Doch er fand keine Wölfe. Keinen einzigen. Sie hätten sich hier in dieser Wildnis aufhalten sollen. Er konnte drunten im Tal Hirsche beim Äsen beobachten. Vielleicht waren die Wölfe auch einfach nicht nahe genug. Sie konnten sich über einige Entfernung hinweg verständigen, aber schon eine Meile war dann doch zu weit. Vielleicht war die Reichweite hier in den Bergen noch geringer. Das konnte die Lösung sein.
    Sein Blick schweifte über die wolkengekrönten Gipfel und blieb dann am entfernten Ende des Tals hängen, von wo die Raben gekommen waren. Vielleicht würde er morgen Wölfe aufspüren. An andere Möglichkeiten wollte er lieber nicht denken.

KAPITEL
28

    Der Turm von Ghenjei
    D a es bereits kurz vor Einbruch der Nacht war, blieb ihnen nichts weiter übrig, als hier am Abhang nahe dem Wegetor zu lagern. In zwei verschiedenen Lagern. Darauf bestand Faile.
    »Damit ist jetzt Schluß«, sagte Loial in seinem strengsten Baßgrollen zu ihr. »Wir befinden uns nicht mehr in den Kurzen Wegen, und ich habe meinen Eid erfüllt. Jetzt ist Schluß.« Faile setzte ihren stursten Gesichtsausdruck auf, das Kinn angehoben und die Fäuste auf die Hüften gestützt.
    »Laß es sein, Loial«, sagte Perrin. »Ich werde mein Lager dort drüben aufschlagen.« Loial sah Faile an, die sich sofort den beiden Aielfrauen zuwandte, nachdem sie Perrins Zustimmung vernommen hatte, und dann schüttelte er das mächtige Haupt und machte Anstalten, sich Perrin und Gaul anzuschließen. Perrin wies ihn mit einer kaum sichtbaren Geste

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