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Der Schatten erhebt sich

Der Schatten erhebt sich

Titel: Der Schatten erhebt sich Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Robert Jordan
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zu sehen. Auch die Bauernhöfe wirkten verlassen. Doch vor allem beobachtete er den Mann, der vor ihm floh. Er hatte sich schon so an diese Verfolgungsjagd gewöhnt, daß es ihn nicht mehr überraschte, als er nach einem langen Schritt plötzlich am Südufer des Tarenflusses stand und mit dem nächsten bereits kahle Hügel erreichte, auf denen weder Baum noch Gras wuchs. Nach Nordosten rannte er, über Bäche und Straßen und Dörfer und Flüsse, nur auf den Mann vor sich konzentriert. Die Landschaft wurde eben und steppenartig, von Hecken unterbrochen, aber er sah nichts mehr von dem Mann. Dann glitzerte etwas weit vor ihm im Sonnenschein: ein metallener Turm. Sein Opfer hielt geradewegs darauf zu und verschwand. Zwei lange Sätze brachten Perrin dorthin.
    Der Turm war volle zweihundert Fuß hoch und vierzig Fuß im Durchmesser. Er glänzte wie polierter Stahl. Es hätte auch eine massive Säule aus Metall sein können. Perrin lief zweimal ganz herum, ohne eine Öffnung zu entdecken. Nicht einmal ein Sprung war zu sehen, ja, nicht einmal ein Kratzer! Aber die Witterung war da, dieser kalte, unmenschliche Gestank. Hier endete die Spur. Der Mann, falls er überhaupt einer war, mußte auf irgendeine Weise nach innen gelangt sein. An ihm lag es nun, diesen Weg ebenfalls zu finden.
    Halt! Es war lediglich ein starkes Gefühl, zu dem Perrins Verstand dieses Wort hinzufügte. Halt!
    Er drehte sich um, und ein mächtiger grauer Wolf mit beinahe weißer Schnauze und vielen Narben landete neben ihm, als sei er aus dem Himmel herabgesprungen. Das war auch gut möglich. Springer hatte immer die Adler um ihre Fähigkeit beneidet, fliegen zu können, und in dieser Welt konnte er das tatsächlich auch. Der Blick aus gelben Augen traf auf einen anderen aus ebenfalls gelben Augen.
    »Warum soll ich hierbleiben, Springer? Er hat einen Wolf getötet.«
    Menschen haben Wölfe getötet und Wölfe Menschen. Warum packt dich diesmal der Zorn so heiß an der Kehle?
    »Ich weiß nicht«, sagte Perrin bedächtig. »Vielleicht, weil es hier geschah. Ich wußte nicht, daß es auch hier möglich ist, einen Wolf zu töten. Ich glaubte die Wölfe in der Traumwelt in Sicherheit.«
    Du jagst den Schlächter, Junger Bulle. Er ist körperlich hier, und er kann töten.
    »Körperlich? Du meinst, er träumt nicht nur? Wie kann er sich denn körperlich hier befinden?«
    Ich weiß nicht. Es ist etwas, woran wir uns von früheren Zeiten her noch schwach erinnern und das nun wie so vieles andere wiederkehrt. Es sind Schattenwesen in den Traum eingedrungen. Geschöpfe von Herzfang. Es gibt keine Sicherheit.
    »Er ist jedenfalls jetzt drinnen.« Perrin betrachtete den glatten Metallturm. »Wenn ich herausfinde, wie er dort hineingekommen ist, kann ich ihm ein Ende bereiten.«
    Närrischer Welpe. Du gräbst das Nest von Erdwespen aus. Dieser Ort ist böse. Alle wissen das. Und du willst das Böse ins Böse hinein verfolgen. Der Schlächter kann töten!
    Perrin schwieg. Da war etwas sehr Endgültiges an den Gefühlen, denen sein Verstand das Wort ›töten‹ zugeordnet hatte. »Springer, was geschieht mit einem Wolf, der in der Traumwelt getötet wird?« Der Wolf schwieg ebenfalls eine Weile lang. Wenn wir hier sterben, sterben wir endgültig, Junger Bulle. Ich weiß nicht, ob für dich dasselbe gilt, aber ich glaube schon.
    »Ein gefährlicher Ort, Bogenschütze. Der Turm von Ghenjei ist ein schlechter Aufenthaltsort für Menschen.« Perrin wirbelte herum und hatte den Bogen schon halb hochgerissen, bevor er die Frau sah, die ein paar Schritt von ihm entfernt stand. Ihr goldenes Haar hing ihr zu einem dicken Zopf zusammengeflochten bis zur Hüfte hinunter, beinahe so, wie es die Frauen der Zwei Flüsse trugen. Allerdings war der Zopf noch kunstvoller geflochten. Ihre Kleidung war von eigenartigem Zuschnitt. Sie trug ein kurzes, weißes Wams und Pumphosen aus einem dünnen, blaßgelben Material, die an ihren Knöcheln über den Stiefeletten endeten. Ihr dunkler Umhang schien etwas zu verbergen, das wie Silber an ihrer Seite glitzerte.
    Sie bewegte sich, und das metallische Glitzern war nicht mehr zu sehen. »Ihr habt scharfe Augen, Bogenschütze. Das habe ich schon beim erstenmal gewußt, als ich Euch sah.« Wie lange hatte sie ihn schon beobachtet? Es war beschämend für ihn, daß sie sich unbemerkt an ihn hatte anschleichen können. Zumindest hätte ihn Springer warnen sollen. Der Wolf lag im kniehohen Gras, die Schnauze auf den Vorderpfoten, und

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