Der Schatten erhebt sich
bespannten Bogen vor sich auf das hohe Sattelhorn gehängt. Ob sich dieser Mann, den man den Schlächter nannte, nur im Wolfstraum in den Zwei Flüssen herumtrieb, oder ob er auch in der realen Welt sein Unwesen trieb? Perrin befürchtete das letztere und auch, daß der Schlächter derjenige gewesen war, der ohne ersichtlichen Grund den Bussard abgeschossen hatte. Das war eine weitere Komplikation, auf die er verzichten konnte. Und das alles zusätzlich zu den Kindern des Lichts.
Seine Familie wohnte auf einem großen Bauernhof mehr als eine halbe Tagesreise von Emondsfeld entfernt nahe dem Wasserwald. Vater und Mutter, seine Schwestern und sein kleiner Bruder. Paetram war jetzt neun und wehrte sich wahrscheinlich mehr als je zuvor dagegen, als das Baby in der Familie betrachtet zu werden. Die mollige Deselle war mittlerweile zwölf und Adora sechzehn. Vielleicht bereitete sie sich schon darauf vor, ihr Haar zum Zopf einer Frau zu flechten. Dazu Onkel Edward, Papas Bruder, Tante Madge, eine kräftige Frau, die ihrem Mann sehr ähnlich sah, und deren Kinder. Dann Tante Neain, die jeden Morgen Onkel Carlins Grab besuchte, und ihre Kinder, und schließlich Großtante Ealsin, die nie geheiratet hatte. Sie hatte eine spitze Nase und scharfe Augen, mit denen sie offensichtlich alles erspähte, was meilenweit in ihrer Umgebung passierte. Seit er einst als Lehrling zu Meister Luhhan gegangen war, hatte er sie nur noch an Festtagen gesehen. Die Entfernung war zu groß, um einfach mal zu Besuch hereinzuschneien, und dazu hatte es immer irgend etwas zu arbeiten gegeben. Falls die Weißmäntel nach den Aybaras forschten, waren diese ziemlich leicht zu finden. Dort lag seine Verantwortung. Für diesen Schlächter war er nicht zuständig. Er konnte sich nicht zerteilen. Er mußte seine Familie und Faile beschützen. Das kam zuerst. Dann das Dorf und die Wölfe, und hinterher vielleicht noch der Schlächter. Ein Mann konnte unmöglich alles bewältigen.
Der Westwald wuchs auf steinigem Boden, von Zeit zu Zeit durch Felsvorsprünge unterbrochen, die meist von Brombeerhecken überzogen waren. Es war ein hartes, dicht bewaldetes Land mit wenigen Bauernhöfen und Wegen. Als Junge war er viel in diesem verfilzten Waldgebiet herumgewandert, allein oder mit Rand und Mat. Sie hatten mit Pfeil und Bogen oder der Steinschleuder gejagt, Kaninchenfallen ausgelegt oder waren einfach nur umhergestreift, weil es ihnen Spaß machte. Eichhörnchen mit dicken, buschigen Schwänzen keckerten in den Bäumen, gefleckte Drosseln sangen auf den Zweigen und wurden von den schwarzgefiederten Spottdrosseln imitiert, Wachteln mit blauen Rückenfedern hüpften, von den Reisenden aufgescheucht, aus dem Unterholz hervor... Alles typische Merkmale seiner Heimat. Er erkannte sogar den Geruch der von den Pferdehufen losgerissenen Erdklumpen.
Er hätte auf direktem Weg nach Emondsfeld reiten können, aber er hielt sich etwas weiter nördlich, blieb im Wald und überquerte schließlich den breiten, ausgefahrenen Weg, den man Haldenstraße getauft hatte. Die Sonne senkte sich bereits auf die Baumwipfel nieder. Was die ›Halde‹ im Namen bedeutete, wußte keiner an den Zwei Flüssen. Sie sah ja kaum wie eine richtige Straße aus - eher wie eine langgezogene, von Unkraut bewachsene aber ansonsten baumfreie Fläche, die man erst als Straße erkannte, wenn man drauf stand und die Fahrspuren von Generationen von Karren und Planwagen bemerkte. An manchen Stellen traten noch Bruchstücke von alten Pflastersteinen an die Oberfläche. Vielleicht hatte sie einst zu einer Halde oder einem Steinbruch geführt, als Manetheren noch existierte.
Der Hof, den Perrin aufsuchen wollte, lag unweit der Straße hinter Reihen von Apfel- und Birnbäumen, an denen das Obst reifte. Er roch den Hof, lange bevor er ihn sah. Es war der Gestank von Ruß und Brand, nicht frisch, aber auch ein volles Jahr würde diesen Gestank nicht schwächer werden lassen.
Er ließ sein Pferd am Waldrand stehenbleiben und betrachtete das, was vor ihm lag, bevor er sich dazu zwang, zwischen die Ruinen des al'Thor-Hofes zu reiten, das Packpferd nach wie vor im Schlepptau. Nur der ummauerte Schafpferch stand noch, das Gittertor geöffnet und schief an einer Angel hängend. Der rußgeschwärzte Schornstein warf einen schrägen Schatten über das Durcheinander umgestürzter Pfosten und Steine, wo einst das Wohnhaus gestanden hatte. Von der Scheune und dem Tabakschuppen war nur Asche übriggeblieben. Das
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