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Der Schatten erhebt sich

Der Schatten erhebt sich

Titel: Der Schatten erhebt sich Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Robert Jordan
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Gaul eine Stunde vor Sonnenaufgang schließlich aus dem Lager. Der Aiel machte mit seinen weichen Stiefeln keinerlei Geräusch, und auch die Pferdehufe hörte man auf dem dichten Gras unter den Bäumen kaum. Bain, oder vielleicht war es auch Chiad, beobachtete ihr Gehen. Jedenfalls weckte sie Faile nicht auf, und dafür war er dankbar.
    Als sie ein kleines Stück unterhalb des Dorfes aus dem Westwald traten, stand die Sonne bereits am Himmel. Hier trafen sich eine Reihe von Fahrspuren und Wegen, meist von Hecken oder niedrigen Steinmauern gesäumt. Über den Schornsteinen der Häuser standen fedrige, graue Rauchwolken. Dem Duft nach buken die Frauen gerade das Brot für den Tag. Auf den Tabak- und Gerstenfeldern waren die Männer bereits bei der Arbeit, und die älteren Jungen hüteten die Herden der Schafe, die mit ihren schwarzen Köpfen so typisch für dieses Land waren. Ein paar Leute bemerkten sie, als sie in der Nähe vorbeikamen, aber Perrin ließ Traber schnell voranschreiten und hoffte, daß niemand nahe genug kommen würde, der ihn erkannte oder sich über die eigenartige Kleidung Gauls wunderte und über dessen Speere.
    Auch in Emondsfeld selbst gingen jetzt die Menschen ihren Beschäftigungen nach, und so umging er das Dorf in weitem Bogen im Osten, hielt sich weit ab von den ausgefahrenen Straßen und den strohgedeckten Häusern um den Dorfanger herum, wo die Weinquelle so kraftvoll unter einem Felsvorsprung hervorquoll, daß sie einen Mann durchaus umwerfen konnte, bevor sie noch das Bachbett erreichte. Die Schäden, an die er sich von der Winternacht vor einem Jahr erinnerte, die niedergebrannten Häuser und angesengten Dächer, hatte man offensichtlich repariert und die Häuser neu gebaut. Dann waren die Trollocs wohl auch nicht wiedergekommen. Er hoffte inbrünstig, daß niemand so etwas noch einmal erleben mußte. Die Weinquellenschenke stand fast am Ostende von Emondsfeld zwischen der festgebauten hölzernen Wagenbrücke über den hurtig dahinströmenden Weinquellenbach und einer mächtigen alten Grundmauer. Mitten in der von ihr umsäumten Fläche wuchs eine große Eiche. Unter deren dicken Asten standen Tische, und dort saßen die Menschen an einem ruhigen Nachmittag und sahen den Jüngeren beim Spielen zu. Zu dieser frühen Morgenstunde saß natürlich niemand dort. Weiter im Osten standen nur noch ein paar einzelne Häuser. Die Schenke selbst wies einen Unterbau aus Flußfels auf, und das obere Stockwerk aus weißgetünchten Backsteinen ragte rundherum ein Stück über das untere hinaus. Ein Dutzend Schornsteine erhoben sich über dem glitzernden, roten, mit glasierten Ziegeln gedeckten Dach, dem einzigen Ziegeldach in der ganzen Gegend.
    Perrin band Traber und das Packpferd an einem dafür vorgesehenen Pfosten in der Nähe der Küchentür an. Sein erster Blick galt dem strohgedeckten Stall. Er hörte, daß darin gearbeitet wurde. Wahrscheinlich misteten Hu und Tad den Stall aus, in dem Meister al'Vere das Gespann großgewachsener Dhurran-Pferde hielt, das er zu schweren Arbeiten vermietete. Auch von der anderen Seite der Schenke her erklangen Geräusche: Stimmengemurmel auf dem Anger, das Schnattern von Gänsen, das Rumpeln eines Leiterwagens über die Brücke. Er ließ alles auf den Pferden, denn er wollte hier nur kurz Halt machen. Eine kurze Bewegung reichte, und Gaul folgte ihm, als er mitsamt Pfeilen und Bogen nach drinnen eilte, bevor vielleicht einer der Stallburschen herauskam.
    Die Küche war leer. Sowohl die Eisenöfen, wie auch die offenen Feuerstellen waren bis auf eine einzige kalt, obwohl der Geruch nach frischgebackenem Brot noch in der Luft lag. Brot und Honigkuchen. Die Schenke hatte selten Übernachtungsgäste. Höchstens dann, wenn die Kaufleute aus Baerlon herunterkamen, um Wolle oder Tabak zu kaufen, oder wenn einer der monatlich erscheinenden fahrenden Händler kam, solange die Straße nicht durch Schnee unbefahrbar gemacht wurde. Die Dorfbewohner, die später am Tag auf ein Bier oder einen Wein und gelegentlich zum Essen hereinkommen würden, waren jetzt auf ihren Höfen und in ihren Werkstätten an der Arbeit. Aber der Zufall wollte es vielleicht, daß doch gerade jetzt jemand da war, und deshalb schlich Perrin auf Zehenspitzen durch den kurzen Flur von der Küche zum Schankraum und öffnete die Tür einen Spaltbreit, um hineinzuspähen.
    Er hatte diesen quadratischen Raum mindestens tausendmal zuvor gesehen - den offenen, aus Flußsteinen gemauerten Kamin, der so breit

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