Der Schatten erhebt sich
selbst, die das getan haben. Tam und Abell bleiben in ihrem Versteck, bis die Weißmäntel wieder weg sind. Sie müssen ja früher oder später mal wieder weg. Aber solange sich hier Trollocs herumtreiben, brauchen wir sie. Bitte verstehe das. Wir hätten ja lieber dich als sie, aber wir brauchen sie, und wir wollen nicht, daß sie dich aufhängen.« »Ihr nennt so was beschützen, Dachherrin?« fragte Bain. »Wenn Ihr den Löwen bittet, Euch vor den Wölfen zu beschützen, dann habt Ihr lediglich einen anderen Magen gewählt, in dem Ihr enden wollt.« »Könnt Ihr euch nicht selbst schützen?« fügte Chiad hinzu. »Ich habe Perrin kämpfen sehen und Mat Cauthon und Rand al'Thor. Sie sind vom gleichen Blut wie Ihr.« Bran seufzte schwer. »Wir sind Bauern, einfache Leute. Lord Luc redet davon, einen Widerstand gegen die Trollocs zu organisieren, aber das hieße, die Familien schutzlos zu Hause zu lassen, während wir mit ihm ziehen, und das gefällt nun wieder keinem.« Perrin war verwirrt. Wer war nun wieder Lord Luc? Er fragte danach, und Frau al'Vere antwortete: »Er kam ungefähr zur gleichen Zeit wie die Weißmäntel hier an. Er ist einer der Jäger des Horns. Kennst du die Geschichte: Die Große Jagd nach dem Horn? Lord Luc glaubt, das Horn von Valere befände sich irgendwo in den Verschleierten Bergen über den Zwei Flüssen. Aber er hat die Jagd im Moment aufgegeben, unserer Probleme wegen. Lord Luc ist ein großer Herr. Er hat die feinsten Manieren, die man sich vorstellen kann.« Sie glättete ihr Haar und lächelte bestätigend. Bran warf ihr einen Seitenblick zu und knurrte verächtlich.
Jäger des Horns. Trollocs. Weißmäntel. Die Zwei Flüsse schienen nicht mehr das gleiche Land zu sein, das er verlassen hatte. »Faile ist auch eine Jägerin des Horns. Kennst du diesen Lord Luc, Faile?« »Ich habe genug«, verkündete sie. Perrin verzog das Gesicht, als sie aufstand und um den Tisch herum zu ihm kam. Sie nahm seinen Kopf in die Hände und drückte sein Gesicht an ihre Brust. »Deine Mutter ist tot«, sagte sie leise. »Dein Vater ist tot. Deine Schwestern und dein Bruder sind tot. Deine ganze Familie ist tot, und du kannst nichts mehr daran ändern. Ganz gewiß nicht, wenn du selbst stirbst. Verkrampfe dich nicht mehr so. Traure um sie. Friß nicht alles in dich hinein, wo es dich von innen her zerstört.« Er packte sie an den Armen und wollte sie wegschieben, aber aus einem unerfindlichen Grund spannten sich seine Hände an, bis nur noch dieser Griff ihn aufrecht hielt. Erst dann wurde ihm bewußt, daß er weinte, daß er in ihr Kleid hineinschluchzte wie ein kleines Kind. Was mußte sie von ihm denken? Er öffnete den Mund, um ihr zu sagen, daß er sich wieder gut fühle, um sich wegen seines Ausbruchs zu entschuldigen, aber heraus kam lediglich: »Ich konnte doch nicht schneller herkommen. Ich konnte nicht... ich... « Er knirschte mit den Zähnen, um sich selbst zum Schweigen zu bringen.
»Ich weiß«, murmelte sie und strich ihm wie einem Kind über das Haar. »Ich weiß.« Er wollte aufhören, aber je mehr sie ihm ihr Verständnis zuflüsterte, desto heftiger weinte er, als streichelten ihre weichen Hände auf seinem Gesicht die Tränen aus ihm heraus.
KAPITEL
30
Jenseits der Eiche
W ährend Faile seinen Kopf an ihren Körper preßte, verlor Perrin völlig sein Zeitgefühl. Er wußte nicht mehr, wie lange er geweint hatte. Bilder seiner Familienmitglieder schossen ihm durch den Kopf: sein Vater, wie er lächelte, als er zeigte, wie man einen Bogen hält; die Mutter beim Singen, während sie die Wolle spann; Adora und Deselle, wie sie ihn neckten, als er sich das erste Mal rasierte; Paet, der mit großen Augen einen Gaukler beobachtete, der am Sonnentag seine Künste vorführte. Bilder von Gräbern, kalt und einsam, alle in einer Reihe. Er weinte, bis keine Träne mehr in ihm war. Als er ihr schließlich seinen Kopf entzog, waren sie allein miteinander bis auf Kratzi, die sich auf einem Bierfaß putzte. Er war froh, daß die anderen nicht geblieben waren, um ihm zuzuschauen. Faile war schon mehr als genug. Auf gewisse Weise war er ja froh, daß sie bei ihm geblieben war, aber er wünschte, sie hätte nichts gehört und gesehen.
Faile nahm seine Hände in die ihren und setzte sich auf den nächsten Stuhl. Sie war so schön mit ihren schräggestellten Augen, so groß und dunkel, und mit ihren hohen Backenknochen. Er wußte nicht, wie er an ihr wiedergutmachen konnte, was er ihr in den
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