Der Seher des Pharao
zuschauen konnte, wie die neueste Kreation unter ihren begnadeten kleinen Fingern entstand. Doch die Aura der fast unmerklichen sexuellen Neckerei war verschwunden. Sie hatte Huy körperliches Unbehagen und dieselbe Art von mentaler Verwirrung bereitet, die er jetzt hinsichtlich des Verhaltens der Familie ihm gegenüber auch durchmachte. Dass er sie immer noch liebte, stand außer Zweifel. Er liebte die stille Harmonie ihrer Bewegungen, die Klangfarbe ihrer Stimme, das Spiel des Sonnenlichts auf ihrem glänzenden schwarzen Haar. Er bemühte sich, seine Gefühle stärker als früher zu verbergen. Anuket schien das nicht zu bemerken.
Bei seinen einsamen Spaziergängen durch den verlassenen Schulbereich dachte er häufig über das Buch nach. Thots Worte hatten sich in seinem Gedächtnis eingegraben, und er konnte sie sich jederzeit vergegenwärtigen, aber viel öfter grübelte er über die Teile des begleitenden Kommentars nach. Die beiden Rollen hatten eine geradlinige Darstellung enthalten, wie Re-Atum die Welt geboren hatte, aber der unbekannte Kommentator hatte es gewagt, das Dargelegte zu extrapolieren oder vielleicht auch nur darüber nachzudenken. Huy kehrte zu den Schriftrollen unter dem Baum zurück, aber Thots Worte blieben zunächst ungelesen. Auf seinen Knien lag der aufgerollte Kommentar:
Atum ist der allumfassende Erschaffer der Gesamtheit, er webt alles in das Gebilde der Wirklichkeit …
Der Schoß der Wiedergeburt ist die Weisheit. Die Empfängnis ist Schweigen …
Atum ist der Erste, Kosmos der Zweite, der Mensch der Dritte. Atum ist Eins, Kosmos ist Eins, und so ist der Mensch, denn wie der Kosmos ist er Ganzes, das aus verschiedenen mannigfaltigen Teilen besteht. Atum schuf den Menschen, damit er zusammen mit ihm herrscht, und wenn der Mensch diese Rolle völlig ausfüllt, wird er zum Träger der Ordnung im Kosmos.
Huy erschien dieser Gedanke blasphemisch. Zusammen mit Atum zu herrschen – bedeutete das, ihm gleich zu sein? War es der Wille von Atum, dass der Mensch, wie er, ein Gott ist? Und wie sollte der Mensch, der ungestüme Mensch auf der Suche nach sich selbst und kaum in der Lage, die eigene Seele zu ordnen, zum Träger der Ordnung im Kosmos werden? Vielleicht meinte Atum nur einen Teil des Menschen. Woraus sich ein Mensch zusammensetzt, wusste Huy: physischer Körper, Schatten, Ka, Seele, Herz, Ach-Geist, Lebenskraft, Name. Welcher Aspekt war so makellos, dass er den Kosmos zusammen mit Atum beherrschen konnte?
Doch vielleicht hat der Schreiber nicht die Menschheit als Ganzes gemeint, dachte Huy weiter, als er die stillen, heißen Gänge und Räume, die nach Tusche und Papyrus rochen, durchmaß. Vielleicht meinte er ein paar wenige Auserwählte wie den mit Gaben bedachten, allwissenden Imhotep. Die Priester sagen mir immer wieder, ich sei der Auserwählte, und dass Atum mir seinen Willen enthüllen will. Ist es sein Wille, den Kosmos durch mich zu ordnen? An dieser Stelle musste er laut lachen, und es hallte von den Wänden des Gangs hinter dem Allerheiligsten wider. »Das ist nun wirklich Blasphemie«, sagte er laut und zwang sich, an das schwierige Streitwagenmanöver zu denken, das er gerade mit seinem störrischen Pferd geübt hatte. Doch der Gedanke verfolgte ihn auch in den Nächten und raubte ihm den Schlaf, sodass er schließlich den Oberpriester bat, den letzten Teil des Buches lesen zu dürfen.
»Glaubst du wirklich, dass du schon so weit bist? Sind die vorangegangenen acht Rollen deinem Gedächtnis sicher eingeprägt, und hast du sie alle verstanden?«, fragte ihn Ramose und sah ihn forschend an. Huy wusste, was der Mann sah. Obwohl es noch Morgen war, stand die Luft bereits, die Sonne brannte weiß und erbarmungslos, und die Spuren einer schwülen, unruhigen Nacht waren auf Huys Gesicht zu sehen.
»Ja, das sind sie«, antwortete Huy mit mehr Selbstvertrauen, als er empfand. »Heute ist der neunte Tag von Paophi. Heute bin ich fünfzehn Jahre alt. Ich finde, es ist angemessen.«
Ramose lächelte. »Dein Geburtstag!«, rief er aus. »Wenn Harmose nicht da ist, habe ich keine Berichte, und niemand erinnert mich an die Belange seiner Schüler. Auch aus Hut-Herib ist nichts für dich gekommen, was mir einen Hinweis gegeben hätte. Aber das kommt noch, oder?«
Huy nickte. »Mein Vater wird einen Brief schicken und Methen ein Geschenk. Und Nacht hat mich zu einer Feier eingeladen, nur für die Familie und mich.«
»Von deinen eigenen Blutsbanden hast du dich entfremdet,
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