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Der Seher des Pharao

Der Seher des Pharao

Titel: Der Seher des Pharao Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Pauline Gedge
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roch nach dem schlammigen Wasser, das bereits die Straße hinter ihm erreicht hatte, nach Erde, was ihn sehr an seinen Vater erinnerte, und nach dem Wildgeflügel, das in der Küche hinter dem Haus gebraten wurde. Nachts Haushofmeister erwartete ihn bei den Eingangssäulen. Mit einer Verbeugung öffnete er die Türen, und mit unsäglicher Erleichterung betrat Huy Nachts von Lampen erhelltes Speisezimmer.
    Einer nach dem anderen kam, um ihn zu küssen. Nacht nahm feierlich seine Hand, Nascha versuchte vergeblich, ihn hochzuheben, und boxte ihn gegen die Schulter. Thutmosis umarmte ihn fest. »Fünfzehn, lieber Freund, und wir sind immer noch zusammen«, sagte er glücklich. »Du fehlst mir unter der Woche. Fühlst du dich nicht einsam, wenn du die Schule ganz für dich allein hast?«
    Zuletzt kam Anuket. Sie nahm Huys Hand, zog ihn zu sich herunter und küsste ihn dicht neben das Ohr. Dann trat sie stirnrunzelnd zurück. »Huy, du riechst nach Reremet«, sagte sie laut. »Ich kenne es – und seine Verführungskraft. Manchmal benutze ich die Stiele und Blätter für meine Kränze. Warst du heute Abend bei einem Mädchen?«
    Huy war erstaunt. Anuket lächelte, als würde sie einen Scherz machen, aber ihre Finger, die noch immer seine Hand hielten, hatten sich verkrampft, und ihre Augen waren hart.
    »Anuket, du bist unhöflich«, fuhr ihr Vater sie an. »Was Huy jenseits dieser Mauern tut, ist seine Angelegenheit.« Doch er sah aus, als wäre er erfreut.
    »Ich war bei der Rechet, meiner Mentorin«, erklärte Huy. »Ich war verspannt. Da hat sie mein Haar gekämmt und es mit Alraunenöl eingerieben, um mich zu beruhigen.« Blitzte da kurz Enttäuschung in Nachts Gesicht auf? Huy war sich nicht sicher. Der Ausdruck war zu schnell wieder verschwunden.
    Anuket hob ihre hübschen Schultern und ließ Huys Hand los. »Gehen wir zum Essen. Die Diener stehen bereit.« Mehr sagte sie nicht.
    Huy trug den Ohrring, den ihm Anuket an seinem letzten Namensgebungstag geschenkt hatte, und diese Geste gefiel ihr offensichtlich. Sie saß dicht neben ihm, lächelte, war ungewöhnlich gesprächig, neckte ihn sogar ein wenig und lehnte sich über ihn, wenn sie sich eine Schüssel mit Linsen oder mit Honig überzogenen Datteln nehmen wollte. Huy wusste nicht, wie er darauf reagieren sollte. Naschas liebevolle Spötteleien beunruhigten ihn nie. Thutmosis machte sich über ihn lustig und er sich über Thutmosis, aber auf rein maskuline, nicht aufs Persönliche zielende Weise. Doch diese neue Anuket, diese junge Frau, in deren Atem er den Wein riechen konnte, wenn sie mit ihrer züchtig bedeckten Brust über seinen Arm strich, deren große Augen so dicht vor seinen waren, dass sie unscharf wurden, schockierte und beschämte ihn. Errötend und stotternd wusste er nicht, was er sagen sollte. Er fragte sich, ob sie vor seiner Ankunft schon viel Wein getrunken hatte.
    Nacht war ungewöhnlich still und beobachtete seine Tochter genau. Ein paar Mal schien er etwas zu ihr sagen zu wollen, aber jedes Mal war ihm Nascha mit ihrem unablässigen, unterhaltsamen Geplauder zuvorgekommen, und er hatte sich wieder zurückgelehnt. Auch wenn Anuket im Mittelpunkt seiner intimsten Phantasien stand, wollte Huy mit diesem untypischen Verhalten nichts zu tun haben. Er war wirklich froh, als das Essen beendet war.
    Sie gingen in das Empfangszimmer, wo wiederum Wein serviert wurde. Nacht und Thutmosis setzten sich auf Stühle, während Nascha und Anuket Huy auf die Kissen zogen. Nascha war angetrunken, kitzelte Huy und lachte, als er sich wehrte. Anuket lehnte ihr Bein gegen Huys. Nacht klatschte in die Hände und befahl dem Haushofmeister, Huys Geschenke zu bringen.
    Durch die geöffnete hohe Doppeltür drang die Nachtluft herein, ließ die Kerzen flackern, bauschte die knöchellangen Schurze der beiden Sitzenden und spielte in Anukets vom Öl glänzenden Haar. Mit einer trägen Geste fasste sie es im Nacken zusammen und türmte es auf ihrem Scheitel. Dabei klimperten die winzigen gelben Fayence-Blüten, die sie hineingebunden hatte. Zwei fielen in Huys Schoß. »Oh, mir ist so heiß, und ich bin so verschwitzt!«, erklärte sie. »Wenn die Strömung nicht schon so stark wäre, würde ich alles ausziehen und im Fluss untertauchen.«
    »Mach dich nicht lächerlich!«, antwortete Nascha scharf. »Du hasst Schwimmen. Und auch Bootfahren, um beim Thema zu bleiben. Was ist heute Abend mit dir los, Anuket? Du kannst kaum stillsitzen.«
    Anuket seufzte betont und ließ

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