Der Streik
nicht, dass die Motorenfabrik das Einzige in meinem Leben war. Ich hatte zuvor viele wichtige Stellungen. Ich hatte zu verschiedenen Zeiten herausragende Verbindungen zu Firmen, die chirurgische Geräte, Papiertüten, Männerhüte und Staubsauger herstellten. Natürlich bot dieses Zeug keine großen Aussichten. Aber die Motorenfabrik – das war meine große Chance. Darauf hatte ich gewartet.“
„Wie kam es dazu, dass Sie sie kauften?“
„Sie war wie für mich gemacht. Es war die Erfüllung meines Traums. Die Fabrik wurde geschlossen – sie war bankrott. Die Erben von Jed Starnes hatten sie in ziemlich kurzer Zeit in den Ruin getrieben. Ich weiß nicht ganz genau, was es war, aber da oben sind komische Sachen passiert, und die Firma ist pleitegegangen. Die Leute von der Eisenbahn haben die Verbindung stillgelegt. Niemand wollte die Fabrik, niemand hat mitgeboten. Aber dort stand diese großartige Fabrik mit der ganzen Ausrüstung, den ganzen Maschinen, den ganzen Dingen, mit denen Jed Starnes Millionen verdient hatte. Das war die Art von Projekt, die ich wollte, die Gelegenheit, die mir zustand. So habe ich einige Freunde zusammengetrommelt, wir gründeten die Amalgamated Service Corporation und trieben ein bisschen Geld auf. Aber es war nicht genug, wir brauchten einen Kredit für den Übergang und damit wir loslegen konnten. Es war ein völlig sicheres Geschäft, wir waren junge Männer auf dem Weg zu großen Karrieren, voller Begeisterung und Hoffnung für die Zukunft. Aber glauben Sie, irgendjemand hätte uns in irgendeiner Weise ermutigt? Niemand! Nicht diese habgierigen, festgefahrenen Privilegiengeier! Wie sollten wir je im Leben Erfolg haben, wenn niemand uns eine Fabrik geben wollte? Wir konnten doch mit den kleinen Rotznasen, die ganze Fabrikketten erben, nicht mithalten, oder? Hatten wir kein Anrecht auf dieselbe Chance? Erzählen Sie mir nichts von Gerechtigkeit! Ich habe geschuftet wie ein Hund, als ich versuchte, jemanden zu finden, der uns das Geld leiht. Aber dieser Mistkerl Midas Mulligan hat mich in die Mangel genommen.“
Sie richtete sich auf. „Midas Mulligan?“
„Ja, der Bankier, der aussah wie ein Lastwagenfahrer und sich auch wie einer aufführte!“
„Kannten Sie Midas Mulligan?“
„Ob ich ihn kannte? Ich bin der einzige Mensch, der ihn jemals besiegt hat – ohne dass es für mich von Vorteil gewesen wäre!“
Manchmal hatte sie sich mit einem plötzlichen Gefühl des Unbehagens über das Verschwinden von Midas Mulligan gewundert – so, wie sie sich über die Geschichten von verlassenen Schiffen, die auf dem Meer treibend gefunden wurden, wunderte oder über Lichtkegel am Himmel, die keinen Ursprung hatten. Es gab keinen Grund, warum sie das Gefühl hatte, diese Rätsel lösen zu müssen, außer dass es unerklärliche Dinge waren, die nicht unerklärlich sein konnten: Es musste einen Grund für sie geben, und doch konnten sie durch nichts erklärt werden.
Midas Mulligan war einst der reichste und folglich am meisten kritisierte Mann im Land gewesen. Bei keiner Investition, die er tätigte, hatte er je einen Verlust hinnehmen müssen; alles, was er anfasste, verwandelte sich in Gold. „Das liegt daran, dass ich weiß, was ich anfasse“, sagte er. Niemand konnte verstehen, nach welchem Prinzip er seine Investitionen tätigte: Er lehnte Geschäfte ab, die vollkommen sicher aussahen, und er steckte enorme Summen in Projekte, die kein anderer Bankier annehmen wollte. Viele Jahre lang war er derjenige gewesen, der das Land mit unerwarteten, spektakulären industriellen Erfolgen bombardierte. Er war es gewesen, der anfangs in Rearden Steel investiert und Rearden damit geholfen hatte, den Kauf des verlassenen Stahlwerkes in Pennsylvania abzuschließen. Als ihn ein Wirtschaftsexperte einmal als waghalsigen Spieler bezeichnete, sagte Mulligan: „Der Grund, warum Sie niemals reich werden, ist, dass Sie denken, ich sei ein Spieler.“
Es wurde gemunkelt, man müsse bei Verhandlungen mit Midas Mulligan eine bestimmte ungeschriebene Regel beachten: Wenn ein Antragsteller für einen Kredit jemals seinen persönlichen Bedarf oder irgendein persönliches Gefühl erwähne, sei das Gespräch sofort zu Ende und er bekomme nie wieder Gelegenheit, mit Mr. Mulligan zu sprechen.
„Ja, das kann ich“, sagte Midas Mulligan, als er gefragt wurde, ob er einen Menschen nennen könne, der schlechter sei als ein Herz ohne Mitleid. „Der Mensch, der des anderen Mitleid mit ihm als Waffe
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