Der Streik
benutzt.“
In seiner langen Laufbahn hatte er alle öffentlichen Angriffe auf seine Person ignoriert – bis auf einen: Sein Vorname war Michael gewesen; als ein Zeitungskolumnist der humanitären Clique ihm den Spitznamen Midas Mulligan gab und die Bezeichnung als Beleidigung an ihm hängen blieb, erschien Mulligan vor Gericht und beantragte eine gesetzliche Änderung seines Vornamens in „Midas“. Der Antrag wurde angenommen.
In den Augen seiner Mitmenschen war er ein Mann, der sich der einen unverzeihlichen Sünde schuldig gemacht hatte: Er war stolz auf seinen Reichtum.
Das waren die Dinge, die Dagny über Midas Mulligan gehört hatte; sie war ihm jedoch nie begegnet. Vor sieben Jahren war Midas Mulligan verschwunden. Eines Morgens verließ er sein Haus, und niemand hatte je wieder von ihm gehört. Am nächsten Tag erhielten die Anleger der Mulligan Bank in Chicago die Aufforderung, ihre Einlagen abzuheben, weil die Bank schließen würde. Im Zuge der nachfolgenden Untersuchungen stellte sich heraus, dass Mulligan die Schließung von langer Hand und bis ins Detail geplant hatte. Seine Mitarbeiter führten nur noch seine Anweisungen aus. Es war der geordnetste Sturm auf eine Bank, den das Land je gesehen hatte. Jeder Anleger erhielt sein Geld bis auf das letzte Prozent der fälligen Zinsen. Alle Vermögenswerte der Bank waren stückchenweise an verschiedene Geldinstitute verkauft worden. Bei der Buchprüfung erkannte man, dass die Bilanz bis auf den letzten Cent ausgeglichen war; nichts blieb übrig; die Mulligan Bank war ausgelöscht.
Nie wurde ein Hinweis auf seine Beweggründe, sein persönliches Schicksal oder die vielen Millionen seines persönlichen Vermögens gefunden. Der Mann und sein Vermögen verschwanden, als hätten sie nie existiert. Niemandem war seine Entscheidung angekündigt worden, und es konnten keine Ereignisse ausgemacht werden, die sie erklärt hätten. Wenn er sich hatte zur Ruhe setzen wollen, fragten sich die Leute, warum hatte er sein Institut dann nicht mit einem riesigen Gewinn verkauft, was er hätte tun können, anstatt es zu zerstören? Niemand wusste eine Antwort darauf. Er hatte keine Familie, keine Freunde. Seine Bediensteten wussten nichts: Er war an jenem Morgen wie üblich von zu Hause weggegangen und nicht mehr zurückgekommen. Das war alles.
Irgendetwas an Mulligans Verschwinden, hatte Dagny seit Jahren mit leichtem Unbehagen gedacht, hatte etwas Unerklärliches an sich. Es war, als wäre in New York über Nacht ein Wolkenkratzer verschwunden und hätte nichts als eine leere Fläche an einer Straßenecke hinterlassen. Ein Mann wie Mulligan mit einem Vermögen wie dem, das er mitgenommen hatte, konnte sich nirgendwo verstecken. Ein Wolkenkratzer konnte nicht verloren gehen, man würde ihn über jede Ebene und jeden Wald, der als Versteck dienen sollte, emporragen sehen; würde er zerstört, wäre selbst der Schutthaufen noch unübersehbar. Aber Mulligan war fort – und in den sieben Jahren, die seither vergangen waren, konnte in dem Gewirr von Gerüchten, Mutmaßungen und Theorien, in den Geschichten der Sonntagsbeilagen und in den Augenzeugenberichten derer, die ihn in allen Teilen der Welt gesehen zu haben behaupteten, niemals ein Anhaltspunkt für eine plausible Erklärung entdeckt werden.
Unter den Geschichten gab es eine, die so grotesk und ungewöhnlich war, dass Dagny sie für wahr hielt: Nichts an Mulligans Charakter hätte jemanden dazu veranlassen können, sie zu erfinden. Man sagte, der letzte Mensch, der Mulligan an dem Frühlingsmorgen seines Verschwindens gesehen habe, sei eine alte Frau gewesen, die an einer Straßenecke in der Nähe der Mulligan Bank in Chicago Blumen verkaufte. Sie erzählte, er sei stehen geblieben und habe einen Strauß der ersten Glockenblumen des Jahres gekauft. Sein Gesicht sei das glücklichste gewesen, das sie jemals gesehen habe; es habe den Ausdruck eines jungen Menschen gehabt, der in ein großartiges Leben aufbricht, das er unversperrt vor sich liegen sieht. Die Zeichen von Schmerz und Anspannung, die Spuren der Jahre auf einem menschlichen Gesicht seien ausgelöscht gewesen, und es seien nur freudige Begeisterung und Frieden übrig geblieben. Wie aus einem plötzlichen Impuls heraus habe er die Blumen genommen und der alten Frau zugezwinkert, als wollte er ihr einen lustigen Witz erzählen. „Wissen Sie, wie sehr ich es immer geliebt habe – zu leben?“ Verwirrt habe sie ihn angestarrt, und er sei davongegangen, wobei
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