Der Streik
chronisch kindlichen Männer, die auch jenseits der Vierzig noch herumlaufen und über ihre Empfindlichkeiten jammern. Er brauche Liebe, das war sein Spruch. Ältere Damen kümmerten sich um ihn, wenn er welche finden konnte. Dann begann er, einem sechzehnjährigen Mädchen nachzulaufen, ein nettes Mädchen, das nichts mit ihm zu tun haben wollte. Sie heiratete den Jungen, mit dem sie verlobt war. Eric Starnes brach an ihrem Hochzeitstag in ihr Haus ein, und als sie nach der Trauung von der Kirche zurückkamen, fanden sie ihn in ihrem Schlafzimmer, tot, mit aufgeschnittenen Pulsadern, alles war besudelt. … Ich glaube, es kann Vergebung geben für jemanden, der sich im Stillen umbringt. Wer kann schon das Leiden eines Menschen und die Grenzen dessen, was er ertragen kann, beurteilen? Aber ein Mensch, der sich umbringt und seinen Tod zu einem Schauspiel macht, um jemand anderen zu verletzen, ein Mann, der aus Bösartigkeit sein Leben wegwirft, für den gibt es keine Vergebung, keine Entschuldigung, er ist durch und durch verdorben und verdient es, dass die Leute auf sein Andenken spucken, anstatt Mitleid für ihn zu haben und verletzt zu sein, wie er es gewollt hat. … Tja, das war Eric Starnes. Wenn Sie wollen, kann ich Ihnen sagen, wo Sie die anderen beiden finden.“
Sie fand Gerald Starnes im Schlafsaal eines Obdachlosenheims. Er lag zusammengekrümmt auf einer Pritsche. Er hatte immer noch schwarzes Haar, aber die weißen Stoppeln auf seinem Kinn waren wie ein Schatten welken Unkrauts in einem entleerten Gesicht. Er war sturzbetrunken. Ein grundloses Kichern begleitete seine Stimme, wenn er sprach, der Klang einer immer gleich bleibenden, grundsätzlichen Boshaftigkeit.
„Sie ist pleitegegangen, die große Fabrik. Das ist mit ihr passiert. Sie ist hochgegangen und pleite. Kümmert Sie das, Madam? Die Fabrik war heruntergekommen. Alle sind heruntergekommen. Ich soll jemanden um Verzeihung bitten, aber das werde ich nicht tun. Ich denke gar nicht daran. Die Leute versuchen wer weiß was, um alles am Laufen zu halten, dabei ist alles heruntergekommen, völlig heruntergekommen, die Automobile, die Gebäude und die Seelen, und es ist so oder so egal. Sie hätten sehen sollen, wie diese Geisteselite sich überschlug, wenn ich pfiff, als ich noch Geld hatte. Die Professoren, die Poeten, die Intellektuellen, die Weltverbesserer und die Menschenfreunde. Egal, in welche Richtung ich pfiff. Ich hatte jede Menge Spaß. Ich wollte Gutes tun, aber jetzt habe ich keine Lust mehr. Es gibt nichts Gutes. Kein gottverdammtes Gutes in diesem ganzen verdammten Universum. Ich gehe nicht baden, wenn ich keine Lust darauf habe, so viel dazu. Wenn Sie irgendetwas über die Fabrik wissen wollen, fragen Sie meine Schwester. Meine süße Schwester, die ein Treuhandvermögen hatte, das die nicht antasten konnten, sodass sie unversehrt aus der Sache herausgekommen ist, auch wenn sie jetzt in der Welt der Hamburger zu Hause ist, nicht mehr in der von Filet Mignon mit Sauce Béarnaise. Aber würde sie ihrem Bruder auch nur einen Cent davon abgeben? Der vortreffliche Plan, der geplatzt ist, war ebenso ihre Idee wie meine, aber gibt sie mir auch nur einen Cent? Ha! Gehen Sie und sehen Sie sich die Gräfin an, sehen Sie sie sich an. Was kümmert mich die Fabrik? Sie war bloß ein Haufen schmieriger Maschinen. Ich verkaufe Ihnen all meine Rechte, Ansprüche und Titel darauf – für einen Drink. Ich bin der Letzte, der den Namen Starnes trägt. Früher war es ein großer Name – Starnes. Ich verkaufe ihn Ihnen. Sie denken, ich bin ein gemeiner Taugenichts, aber das gilt sowohl für den Rest der Welt als auch für reiche Damen wie Sie. Ich wollte Gutes für die Menschheit tun. Ha! Ich wünschte, sie würden alle in kochendem Öl schwimmen. Das wäre ein Spaß. Ich wünschte, sie würden ersticken. Was spielte das für eine Rolle? Was spielt überhaupt irgendeine Rolle?“
Auf der nächsten Pritsche drehte sich ein anderer weißhaariger, verschrumpelter Landstreicher im Schlaf um und stöhnte. Ein Fünfcentstück fiel aus seinen Lumpen zu Boden. Gerald Starnes hob es auf und ließ es in seine eigene Tasche gleiten. Er schielte zu Dagny. Die Falten in seinem Gesicht verzogen sich zu einem gemeinen Lächeln.
„Wollen Sie ihn aufwecken und Stunk machen?“, fragte er. „Wenn Sie das tun, sage ich, dass Sie lügen.“
Der übelriechende Bungalow, in dem sie Ivy Starnes vorfand, lag am Stadtrand am Ufer des Mississippi. Herunterhängende
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